Tübingen gegen Niemitz
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Korrespondenz 2003 Neue Medizin

Universität Tübingen

Universität-Hautklinik

ehem. Geschäftsführender Direktor

em. Prof. Dr. med. G. Rassner

Universitäts-Hautklinik

Liebermeisterstr. 25

72076 Tübingen

 

An die

Universität Tübingen

Zentrale Verwaltung

z.Hd. Frau Schweizer

72076 Tübingen

Stellungnahme

zu dem Gutachten von Prof. Dr. H.-U. Niemitz,

Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur, Leipzig

vom 18.08.2003

Das Gutachten zur Neuen Medizin nimmt Stellung zu der von Herrn Dr. Hamer gestellten Kernfrage, ob die Schulmedizin oder die Germanische Neue Medizin® wissenschaftlich und richtig sei. Das Gutachten beschäftigt sich zu einem großen Teil mit erkenntnistheoretischen und wissenschaftstheoretischen Fragen, auf die ich nicht eingehen kann und will.

I) Allgemeine Stellungnahme

Das Gutachten stellt eine Anhäufung von reinen Behauptungen dar, die einerseits die Schulmedizin als unwissenschaftlich und falsch und die Neue Medizin als wissenschaftlich und richtig postulieren. Konkretisierungen fehlen zumeist. Bei einigen wenigen Beispielen wird die medizinische Unkenntnis des Verfassers offenkundig.

Die Schulmedizin ist nach Ansicht des Verf. wegen ihrer vielen Hypothesen (unbewiesenen Unterstellungen) keine Wissenschaft beziehungsweise Naturwissenschaft. Um welche der vielen Hypothesen es sich handelt, wird nicht erwähnt. Das wahre Bild der Schulmedizin ist dem Verfasser offensichtlich unbekannt oder wird nicht dargestellt. Die Schulmedizin ist einerseits Erfahrungswissenschaft, andererseits Naturwissenschaft (Physik, Chemie, Biologie) mit Anwendung physikalischer und chemischer Methoden unter Hinzuziehung mathematisch-statistischer Verfahren in Diagnostik, Therapie und Prognose. Sie fasst aber den Menschen nicht nur als physikalisch-chemisches Wesen sondern auch als geistig-seelisches Wesen (Psychosomatik, Psychoonkologie) und soziales Wesen (Sozialmedizin) auf. Das Konzept der Schulmedizin hat sich gegenüber verschiedener paramedizinischen Konzepten durchaus bewährt und erfolgreich erwiesen.

Ich nenne nur die Klärung vielfältiger ... erreger (Viren, Bakterien, Pilze), Stoffwechselstörungen, verschiedene Krebsursachen; weiterhin die Behandelbarkeit beziehungsweise Ausrottung von Infektionskrankheiten wie Polio, Diphtherie, Pocken und viele andere; weiterhin die Behandelbarkeit von Diabetes, Bluthochdruck und Herzkrankheiten. Große Fortschritte bestehen auch bei der Erkennung und Behandlung bestimmter Krebskrankheiten, auch mit früher nicht vorstellbaren Heilungsziffern.

Vom paramedizinischen Konzept der Neuen Medizin behauptet Herr Prof. N., es sei wissenschaftlich und hypothesenfrei, habe eine "Theorie beziehungsweise Model des Krebsgeschehens beziehungsweise allgemein von "Krankheiten". Es könne für jeden Einzelfall hypothesenfrei das Geschehen wissenschaftlich erklären, vorhersagen, Therapievorschläge machen. Behauptet wird ferner, die Neue Medizin sei die "sicherste Methode", um "krebskranke" Menschen zu heilen. Bei all diesen Behauptungen fehlen jede Konkretisierung oder Beweise.

Das eigentliche Konzept der Neuen Medizin als "psycho-biologisches Modell" wird nur am Rande erwähnt, aber wissenschaftlich, naturwissenschaftlich, im Einzelfall nachprüfbar bezeichnet. Danach wird Krebs ausschließlich psychisch durch "Konfliktschocks" ausgelöst, die zu "Sonderprogrammen" des Gehirns beziehungsweise von Organen führen. Anmerkung von mir: Nach mir vorliegenden Publikationen von Herrn Dr. Hamer (wenn ich sie richtig verstehe) führt ein "Konflikterlebnisschock" zu einem Hamer’schen Herd im Gehirn, wobei der Konfliktinhalt sowohl die Lokalisation des Gehirnherdes als auch die Lokalisation des Krebsäquivalents im Organ bestimmt. Das vom Gehirnherd im Rahmen eines DHS (Dirk Hamer Syndrom) ausgelöste "Sonderprogramm" ist ein Konfliktbewältigungsprogramm (keine Krankheit im schulmedizinischen Sinne). Die krebsige Gewebsvermehrung ist biologisch sinnvoll, es ist deshalb im biologischen Sinne der allergrößte Fehler, die Symptome der Krebserkrankung auf der organischen Ebene zu beseitigen.

Die schulmedizinische, wissenschaftliche Krebsforschung hat mit jeder Zeit und an jedem Ort reproduzierbaren Forschungsergebnissen zu einem weitgehenden Verständnis der verschiedenen Ursachen von Krebsentstehung geführt, die von Organ zu Organ unterschiedlich sein können (z.B. bei Hautkrebs UV-Licht, bei Cervix-Krebs Viren). Die Hamer’sche Ansicht einer generell psychogenen Krebsentstehung durch Konfliktschock mit darauf aufbauenden, rein hypothetischen Gedankenkonstruktionen entbehren jeder wissenschaftlichen und rationalen Grundlage und ignoriert völlig gesicherte Ergebnisse der experimentellen Krebsforschung. Auch die Hamer’sche Forderung, Krebsherde auf der organischen Ebene nicht zu beseitigen, steht im krassen Gegensatz zu den schulmedizinisch erreichbaren hohen Heilungsquoten bei Frühentfernung des Primärkrebses.

Selbstverständlich muß die Schulmedizin auch ihre Grenzen erkennen und neuen und neuartigen Ideen gegenüber aufgeschlossen sein, sofern diese auch nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit zeigen oder hinweisende Anfangsbefunde vorliegen. All dies kann ich bei der Neuen Medizin und der Argumentation des Gutachtens nicht erkennen.

II) Medizinische Aspekte

In dem Gutachten von Herrn Prof. N. werden einige medizinische Tatbestände angesprochen. Zu einigen davon möchte ich kurz Stellung nehmen.

1) Überlebenswahrscheinlichkeit: Es wird kritisiert, daß die Schulmedizin bei Krebserkrankungen nur statistisch gewonnene Überlebenswahrscheinlichkeiten angeben könne, während die Neue Medizin "für jeden Einzelfall" und "hypothesenfrei" das Geschehen wissenschaftlich erklären und vorhersagen könne. Richtig ist, daß wegen der außerordentlich komplexen Vernetzung biologischer, physikalischer und chemischer Abläufe im Organismus und speziell bei Krankheiten sowie der Einwirkung zahlreicher Variablen (z.B. Art und Umfang von Abwehrreaktionen) zur Zeit weitgehend nur statistische Prognosen möglich sind z.T. allerdings bereits mit hoher Aussagekraft. Die Neue Medizin hingegen beansprucht laut Prof. N., nicht nur die sicherste Methode zu besitzen, um krebskranke Patienten zu heilen, sondern auch das Geschehen in jedem Einzelfall vorhersagen zu können. Das "Schlupfloch" wird allerdings auch gleich genannt: "Neue krebsauslösende Konfliktschocks (des Patienten) kann kein Arzt der Welt vorhersagen und damit verhindern". Neue Konfliktschocks, die natürlich nicht der Neuen Medizin anzulasten sind, sondern z.B. der Schulmedizin (Mitteilung der Diagnose) führen dann zu einem ungünstigen Ausgang der Erkrankung.

2) Immunsystem: Herr Prof. N. schreibt: "Die Hypothese der Schulmedizin, es gäbe ein Immunsystem, ist eine nicht falsifizierbare Aussage. Das Immunsystem hat bisher noch niemand unmittelbar beobachten können". Schulmedizinisch ist das Immunsystem ein zusammenfassender, abstrakter Oberbegriff für seine jederzeit nachweisbaren Komponenten wie verschiedene Lymphozytenpopulationen, Antikörper usw. Hat jemand schon das "Gesundheitssystem" oder "Rechtssystem" gesehen?

3) Metastasen: Nach dem Gutachten (beziehungsweise der Neuen Medizin) wird die Existenz von Krebsmetastasen bestritten. Metastasen sind "Zweitkrebse", die durch neue Konfliktschocks ausgelöst seien. "Tragischerweise sind das meist Konflikte, die durch die Krebsdiagnose zu erklären sind ( )." Anmerkung von mir: Gemeint sind wohl die Mitteilung der Krebsdiagnose durch den Schulmediziner beziehungsweise andere schulmedizinische Maßnahmen im Rahmen der Krebsbehandlung. Auch hier werden gesicherte und jederzeit nachprüfbare und nachgeprüfte, wissenschaftliche Ergebnisse der Erforschung der Krebsmetastasierung völlig ignoriert.

4) Spontanheilung: Herr Prof. N. schreibt zur Schulmedizin: "Und Spontanheilungen bleiben unverstanden". Auch diese Behauptung ist falsch. Spontanheilungen sind (leider) außerordentlich selten und können dann eintreten, wenn es den Abwehrreaktionen des Organismus (Immunsystem) gelingt, die vorhandenen Krebszellen vollständig abzutöten. Die schulmedizinische Forschung arbeitet deshalb an der Entwicklung verschiedener Formen von Immuntherapie gegen Krebs.

5) Anwendung beziehungsweise "Verifikation" der Neuen Medizin: Der Gutachter schreibt hierzu u.a.: Wenn (Anmerkung: gemeint ist die Schulmedizin) "Theorien beziehungsweise deren Anwendung (hier Therapie) schlechtere Ergebnisse zeigen als die neue Theorie, so muß die neue Theorie anerkannt werden". "Im Fall der Neuen Medizin heißt das: "Schulmedizin beziehungsweise unsere Gesellschaft muß der Neuen Medizin Raum geben."

Abgesehen davon, dass ich keinerlei Fakten kenne, dass die Neue Medizin bessere Ergebnisse erzielt als die Schulmedizin, müsste diese Forderung z.B. bedeuten: Es müsste eine prospektive, randomisierte Studie mit krebskranken Patienten durchgeführt werden, die einerseits schulmedizinisch (z.B. operativ) andererseits nach der Neuen Medizin (keine Operation, Feststellung und Behandlung des krebsauslösenden Konfliktschocks, Belassung des Krebsherdes usw.) behandelt werden. Es ist ärztlicherseits ethisch völlig ausgeschlossen, eine solche klinische Studie durchzuführen und Patienten offenkundig zu gefährden.

6) Sonstiges: Weitere abstruse Behauptungen und Überlegungen erfolgen zum Thema Bluttransfusion sowie Aktivierung von "Mikroben" (durch einen Einschaltbefehl des Gehirns beziehungsweise Organismus, der gerade ein "Sonderprogramm" laufen läßt).

III) Ausdrücke und Formulierung

Der Gutachter bedient sich merkwürdiger Ausdrücke und Formulierungen, die mit einem wissenschaftlichen, sachlichen Gutachten nicht vereinbar sind. Beispiele: Die Schulmedizin "neigt bezeichnenderweise im Einzelfall zu leeren therapeutischen Versprechungen, Verzweiflungstaten ...", sie "versteht so gut wie nichts", sie "liefert einen nicht fassbaren Brei von pseudologischen, d.h. märchenhaften und nicht überprüfbaren Aussagen", sie verwickelt sich "in unlösbaren Widersprüchen", sie ist "naturwissenschaftlich gesehen ein amorpher Brei ... " ein "Hypothesensammelsurium" usw. usw.

IV) Schlussbeurteilung

Das vorliegende Gutachten kann ich weder als sachlich-rational noch wissenschaftlich bezeichnen. Es ist eine Anhäufung von Behauptungen ohne Konkretisierung und ohne Beweise sowie eine völlig irrationale Diskriminierung der Schulmedizin (falsch, unwissenschaftlich usw.). Dem gegenüber wird die Neue Medizin völlig kritiklos als richtig und wissenschaftlich dargestellt und ein Heilungsversprechen abgegeben ("sicherste Methode um krebskranke Menschen zu heilen").

Das Gutachten wird damit m. E. nicht nur rational und wissenschaftlich unhaltbar, es ist auch verantwortungslos. Es ist m.W. ins Internet gestellt und damit vielfach zugänglich und wird zweifellos auch von Herrn Dr. Hamer als Bestätigung seiner Neuen, germanischen Medizin verstanden und verwendet. Wenn dann Patienten dieses Gutachten lesen, so wird ihnen suggeriert, sich möglichst schnell von der falschen, unwissenschaftlichen Schulmedizin abzuwenden und nach anderen Behandlungsmöglichkeiten zu suchen, z.B. der richtigen, wissenschaftlichen Neuen Medizin. Real bestehende Heilungschancen, die insbesondere bei Früherkennung und Frühbehandlung von Krebs bestehen, können damit vernichtet werden. Auch ist es ethisch unverantwortlich und völlig ausgeschlossen, daß die "Schulmedizin beziehungsweise unsere Gesellschaft" der Neuen Medizin "Raum gibt", um z.B. im Rahmen einer klinischen Therapiestudie diese zu überprüfen beziehungsweise zu verifizieren (oder zu widerlegen).

Prof. Dr. med. G. Rassner

 

siehe auch:

 

Die Onkologie - und was [sich] die Schulmedizin sonst noch leistet

Die Onkologie - Eine Wissenschaft oder Nicht-Wissenschaft?

Die Onkologie - Der große Bluff mit dem Begriff "wissenschaftlich anerkannt"

 

Korrespondenz

Prof. Dr. Hans-Ulrich Niemitz, 18.08.2003 - Gutachten zur Neuen Medizin

Uni Tübingen (Dr. Keuth), 15.09.2003 - Stellungnahme Niemitz-Gutachten

Uni Tübingen an VG Sigmaringen, 17.11.2003 - Stellungnahmen Niemitz-Gutachten

Eltern Pilhar an Universität Tübingen, 31.12.2003 - Offener Brief

Prof. Dr. Hans-Ulrich Niemitz an Dr. Hamer, 18.03.2004 - Stellungnahme zur Uni Tübingen

 

 

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