Zentralklinikum Augsburg
Urologische Klinik
Prof. Dr. Rolf Harzmann
01.04.1992
An
Frau X
nachrichtlich:
[an zwei Vertrauensärzte der Patientin]
Sehr geehrte Frau X,
mehrere Ärzte haben den Verdacht darauf geäußert, daß bei Ihnen ein bösartiger
Nierentumor links vorliegt. Sie sind dementsprechend mit der Absicht, sich adäquat
behandeln zu lassen, am xx.03.1992 in die Urologische Klinik des Zentralklinikums gekommen
und sollten dort am xx.03.1992 operiert werden. An dem dazwischenliegenden Wochenende
haben Sie sich - wie man mir sagte - dann auswärts im Rahmen einer entsprechenden
Veranstaltung näher über den Nierentumor und seine Behandlung informiert. Konsequenz
daraus war, daß Sie die hier vorgesehene operative Behandlung abgelehnt haben.
Ich schreibe Ihnen nicht, um Sie unter Druck zu setzen, sondern wegen der aus
der jetzt eingetretenen Situation sich für mich ableitenden Verpflichtung, Sie nochmals
über den Sachverhalt zu informieren, gleichzeitig auf die Gefährlichkeit dessen
hinzuweisen, was Ihnen durch Herrn Dr. Hamer geraten wurde. Da Sie Mutter von vier
Kinder und für diesen Tumortyp doch ungewöhnlich jung sind, meine ich, daß es
meiner Fürsorgepflicht entspricht, Sie auf die Gefahren des von Ihnen jetzt
eingeschlagenen Weges hinzuweisen.
Herr Dr. Hamer ist mir persönlich aus meiner Tübinger Zeit bekannt. Auch kenne ich
die von ihm herausgegebenen Schriften zumindest zum Teil. Daher darf ich mir wohl auch
unter Berücksichtigung des eigenen Fachwissens erlauben, festzustellen, daß Herr Dr.
Hamer unverantwortlich handelt mit seinen Ratschlägen an Sie, da deren Folge ist, daß
die einzig wirksame Behandlung bei Ihnen unterlassen wird.
Beim bösartigen Nierentumor existiert nur dann eine wirkliche Heilungschance, wenn
dieser Tumor möglichst komplett entfernt wird. Für den Fall, daß dieser Krebs
Tochtergeschwulste im Lauf der Zeit ausbildet, besteht keine weitere aussichtsreiche
Behandlungsmöglichkeit, da Strahlen und
Chemotherapie völlig wirkungslos sind. Aus
diesem Grund muß man, was sich hunderttausendfach bewährt hat, einen solchen
bösartigen Tumor operativ entfernen, um dann eben wirkliche Überlebenschancen zu
haben. Dabei besteht bei der Verdachtssituation bei Ihnen die durchaus günstige
Situation, daß bisher kein Nachweis von Tochterabsiedlungen vorliegt.
Auch wenn man dies Ihnen möglicherweise anders dargestellt hat, ist der bösartige
Nierentumor sehr wohl und sehr häufig in der Lage, Tochtergeschwulste zu bilden, wobei
dies die Lymphknoten neben der Niere betrifft, vor allem aber die Knochen und die Lunge.
Wenn man Ihnen diesbezüglich - wo auch immer - anderes erzählt, dann ist dies allenfalls
auf Unwissen zurückzuführen, wobei es dann eben unverantwortlich ist, dieses Nichtwissen
zum Maßstab zu machen.
Da Sie für eine größere Familie verantwortlich sind und dies auch mit Sicherheit
bleiben wollen, sollten Sie sich Ihre jetzige zweifellos falsche Entscheidung nochmals
überlegen. Es geht mir wirklich nicht darum, daß Sie nun unbedingt in das
Zentralklinikum nach Augsburg und hier in die Urologische Klinik kommen, sondern vielmehr
darum, daß Sie adäquat und wirksam behandelt werden. Darauf zu hoffen, daß der Tumor,
der dem Verdacht nach bei Ihnen zumindest vorliegt, ruhig bleiben wird, ist das
Gegenteil von verantwortungsbewußtem Handeln sich selbst und anderen gegenüber.
Für den Fall, daß Sie dies wünschen, stehe ich Ihnen für ausführliche
Besprechungen zu diesem Thema, auch zum Aussagenkomplex von Herrn Dr. Hamer, jederzeit zur
Verfügung.
Ich wünsche Ihnen, daß Sie trotz der Verunsicherung durch andere die Kraft finden,
zu der einzig richtigen Entscheidung für Sie zu finden.
Mit freundlichen Grüßen, gleichzeitig hoffend, daß Sie dies Schreiben richtig
einordnen, bin ich
Unterschrift
PS:
Falls Sie es wünschen, kann ich Ihnen die Adresse anderer urologischen Kliniken nennen,
in denen Sie in dieser Sache nachfragen oder sich behandeln lassen können.