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raum&zeit, Nr. 43, 1989WissenschaftskritikInhalt:
EINE REVOLUTION IN DER
MEDIZIN? Dr. med. Ryke Geerd Hamer dürfte den Lesern von raum&zeit hinlänglich bekannt sein, da seine Thesen hier öfter vorgestellt wurden. Vor allem ist er durch seine EISERNE REGEL DES KREBS bekannt geworden, für deren Verbreitung und Anerkennung er seit Jahren kämpft. In einem 1. von drei geplanten Bänden mit dem Titel "Vermächtnis einer Neuen Medizin", 744 Seiten stark, erweitert er seine Erklärung der Krebs-Entstehung auf andere Krankheiten und erhebt den Anspruch, mit seiner Auffassung vom Menschen eine "NEUE MEDIZIN" zu begründen. Wörtlich heißt es: "Gemeint ist ein neues Verständnis der Medizin" (soll wohl heißen: des Menschen) als von einem universalen Organismus, der verstanden ist als Einheit von Psyche als Integral aller Funktionen der Verhaltens- und Konfliktbereiche, Gehirn als Steuerungscomputer aller dieser Funktionen der Verhaltens- und Konfliktbereiche, und den Organen als Summe aller Erfolge dieses Geschehens. In Wirklichkeit liegt die Sache natürlich noch komplizierter, denn unser Computer Gehirn programmiert den Programmierer (Psyche) und damit sich selbst" (S. 31). Verkürzt faßt Hamer seine neue Menschenansicht in die Formel: Programmierer = Psyche, Computer = Gehirn, Maschine = Organe (Körper)" (S. 27). Krankheiten, vor allem Krebs, haben nach Hamer ihre Ursache in einem psychisch-sozialen Schock - z.B. Tod eines Familienmitgliedes, Ehebruch des Partners, Verlust der Arbeitsstelle, brutale Diagnose eines Schulmediziners - , der je nach der Art des Schocks - an einer ontogenetisch bestimmten Stelle des Gehirns einen "HAMERschen HERD" schaffe, was er nach seinem verstorbenen Sohn als DIRK-HAMER-SYNDROM (DHS) genannt hat. An dem mit der betroffenen Hirnstelle korrelierenden Organ entstünde dann ein Krebs oder eine andere Krankheit. Nach Hamer läßt sich die entsprechende Stelle durch ein Hirn-CT (Computer-Tomographie) genau lokalisieren und die Art des Konfliktes benennen, wobei sich Hamer - unausgesprochen - der Erkenntnisse der Verhaltensforschung bedient. Was ist an Hamers NEUER MEDIZIN neu? Die Kampagne, die gegen ihn von der etablierten Medizin veranstaltet wurde und immer noch wird, läßt vermuten, daß er etwas Interessantes entdeckt hat. Freilich hat es im Verlaufe der Medizingeschichte immer wieder eine "NEUE MEDIZIN" gegeben. Schon Hippokrates verteidigt im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die alte Medizin vor dem Anspruch der neuen. Meist entpuppt sich das Neue als nicht so neu und sensationell, wie seine Apostel es gerne wahrhaben möchten. Gegenüber der Schulmedizin ist an Hamers NEUER MEDIZIN neu, daß er den Menschen wieder als Ganzheit sieht, als biologische Einheit, während die Organmediziner der Schulmedizin ihn schon von ihrem Ansatz her nie als Ganzes sehen können. Zweitens ist bei Hamer der Mensch immerhin ein Tier, während er für die Schulmedizin lediglich ein komplizierter Automat ist. Freilich liest sich dies bei Hamer nicht so, daß er den Menschen auf die Stufe des Tieres herabdrückt, sondern er anerkennt, daß das Tier - jedenfalls in seiner Menschensicht - im Grunde dem Menschen gleich ist. Drittens betont er, daß die Psyche bei allen Krankheiten eine ursächliche Rolle spielt, und geht damit sogar noch über die Psychosomatik hinaus. Viertens unterstreicht er mit Recht, daß in der Schulmedizin die Rolle des Gehirns bisher nicht ausreichend gesehen wurde. Doch Hamer scheint weder die Geschichte der Medizin zu kennen noch sich mit der neuzeitlichen holistischen Medizin auseinandergesetzt zu haben, sonst müßte er wissen, daß erst die moderne Schulmedizin durch ihre Spezialisierung den ganzheitlichen Blick für den Menschen verloren hat. Sein ganzheitlicher Ansatz, den er als Neuheit ansieht, ist Grundbestandteil jeder alten Medizin. Und gerade die holistische Medizin betont, daß nicht Symptome und Krankheiten behandelt werden dürfen, sondern Menschen in ihrer physischen, psychischen und mentalen Ganzheit. Dabei gehen die meisten über Hamers Ansatz noch hinaus, während er im primitiven materialistischen Denken der Schulmedizin verhaftet bleibt, wenn er den Menschen nur als biologisches Wesen sieht und die Psyche - er äußert sich nicht ausdrücklich dazu - wie die Schulmedizin nur als Zusammenspiel zwischen endokrinem System, Nervensystem und Immunsystem begreift. Für Hamer scheint sich das Menschsein in seiner biologischen Existenz zu erschöpfen. Damit ist biologisch und medizinisch tatsächlich kein Unterschied zwischen Tier und Mensch, zwischen dem von ihm so oft zitierten Hirsch und einem Mann. Aber selbst ein Materialist wird zugeben, daß sich ein Mensch aufgrund Jahrtausende langer Entwicklung anders verhält als ein Tier, daß ein Mensch weder ein Hirsch noch eine Graugans ist, wenn auch die Parallelen bei oberflächlicher Betrachtung manchmal auffällig sind. Entscheidend jedoch für Hamers NEUE MEDIZIN ist die Frage, ob Krebs und andere Krankheiten tatsächlich so entstehen, wie er behauptet und nachzuweisen glaubt. Da gibt es aber erhebliche und berechtigte Zweifel. Daß Schocks Krankheiten auslösen können, ist längst bekannt, aber eben nur auslösen. Trifft einen Menschen, der latent an einer Krankheit leidet, ein Schock, dann kann sie schlagartig manifest werden. Jedoch entsteht nach meiner Erfahrung und der vieler anderer eine Krankheit niemals plötzlich, ja nicht einmal ein Unfall. Und was Krebs angeht, weiß sogar die Schulmedizin seit ca. 20 Jahren, daß in der Regel jeder Erwachsene immer krebsig entartete Zellen mit sich herumträgt. Mithilfe meines Diagnoseverfahrens (Elektromagnetischer Bluttest nach Dr. Aschoff, EMBT) läßt sich sogar nachweisen, daß Krebszellen in geringer Anzahl fast immer an mehreren Organen gleichzeitig vorhanden sind. Erst eine starke psychische und/oder physische Belastung - in der Regel eine Dauerbelastung, manchmal ein Schock - läßt einen manifesten Tumor entstehen. Die zweite Frage ist, ob sich vor einer Erkrankung ein HAMERscher HERD im Gehirn bildet. Richtig ist jedenfalls und auch logisch, daß bei jeder körperlichen Störung auch das Gehirn beteiligt ist, was in der Schulmedizin tatsächlich zu wenig beachtet wird. Von Computer-Tomographie habe ich zu wenig Ahnung, um dazu als Fachmann etwas sagen zu können. Doch aufgrund meiner Erfahrung mit dem EMBT, der an Feinheit ein Hirn-CT oft weit übertrifft, weiß ich, daß alle Menschen, selbst schon Kinder, kleinere und größere Beeinträchtigungen im Gehirn haben. Mit anderen Worten: ich möchte unterstellen, daß es schon interpretatorischer Klimmzüge bedarf, um anhand eines Hirn-CTs zu einer gesicherten Aussage über die Art des oder der Konflikte und die entsprechende Organerkrankung zu kommen. Ein entscheidendes Problem ist die Therapie, denn darum geht es letztendlich. Eine Operation ist bei Tumoren häufig nicht zu umgehen, Bestrahlung und Chemotherapie auf jeden Fall abzulehnen. Hamer will aber doch wieder von Fall zu Fall mit der chemischen Keule arbeiten. Eine brauchbare Therapie bietet seine NEUE MEDIZIN darüber hinaus nicht an, denn die verbale, intellektuelle Aufhellung eines Konfliktes, der ursächlich für den Krebs war, reicht für eine Heilung normalerweise nicht aus. Zudem bleibt völlig unklar, warum ein bestimmter Konflikt ausgerechnet zu Krebs führen muß. Die vielschichtige Bedeutung einer Krankheit wird von Hamer nicht gesehen. Seine Diagnose und Therapie könnte als mechanistisch-biologistisch bezeichnet werden und wird dem Kranken genausowenig gerecht wie die orthodoxe Medizin. Hamers NEUE MEDIZIN verdient meines Erachtens diesen Namen nicht, denn sie ist nur eine Spielart der etablierten Schulmedizin und basiert ebenso wie diese auf einem mechanistisch-materialistischen Menschenbild und fußt u.a. wie diese auf Dogmen, z.B. auf der Neodarwinistischen Evolutionslehre, die wissenschaftlich nicht haltbar ist (vg. Bruno Vollmert, Das Molekül und das Leben, Rowohlt 1985). Hamer scheint sich seiner Sache im Innersten selbst nicht sicher zu sein, sonst würde er nicht so missionarisch auftreten. Er beschimpft Juden, Freimaurer, Christen, Schulmediziner, Alternativmediziner, vor allem aber die etablierte Medizin, weil sie seine Thesen nicht akzeptiert. Ist er wirklich so naiv, zu glauben, daß man ihn in ein Haus läßt, wenn er lauthals verkündet, er habe eine Bombe in der Tasche, um dieses Haus in die Luft zu sprengen? Weiß er als Kenner des Wissenschaftsbetriebs nicht, daß etablierte Wissenschaftler wie Mediziner in den Universitätskliniken in erster Linie an der Wahrung ihres Besitzstandes - Ansehen, Macht, Geld - interessiert sind und nicht an neuen Erkenntnissen, die u.U. sogar ihre Existenz in Frage stellen könnten? Hamer entschuldigt sich bei seinen Lesern, daß seine "Ausdrucksweise oftmals scharf, bissig und sogar sarkastisch klingen mag" (S. 706). Das käme daher, weil er zusehen müsse, wie "Hunderte von Millionen Menschen" von der Schulmedizin "elendiglich zu Tode gefoltert" würden. Dies ist aber nichts Neues und wurde von vielen vor Hamer schon gesehen. So erschien z.B. 1985 von Dr. med. K.-O. Heede ein Buch mit dem Titel: "Millionen könnten geheilt werden!" Und, was speziell den Skandal mit dem Krebspatienten angeht, hat Christian Bachmann schon 1981 mit seinem Buch "Die Krebsmafia" die "Intrigen und Millionengeschäfte mit einer Krankheit" aufgedeckt, ohne in einen solchen Ton zu verfallen. Schließlich muß man sehen, daß der Medizinbetrieb in unserer Gesellschaft eine ähnliche Position eingenommen hat wie die Katholische Kirche im Mittelalter und von daher sich viele Patienten lieber von einem "berühmten" Mediziner zu Tode therapieren lassen als sich in die Hände eines "Alternativmediziners" zu begeben, wo sie an ihrer Genesung auch noch selber mitarbeiten müssen. Das ist ein weites Feld, das von Hamer offenbar nicht gesehen wird. Nach meiner Einschätzung wird Hamers NEUE MEDIZIN lediglich der alten neue Impulse geben, aber keine neue Medizin begründen. Aus Haß heraus läßt sich eben nicht heilen, und wer heilen will, um recht zu haben, wird scheitern. Unserem Gesundheitswesen stellt eine Revolution bevor. Das ist klar. Doch eine wirklich neue Medizin, eine Medizin der Zukunft wird völlig anderen Dimensionen haben als die Hamersche. Und dennoch würde man das Kind mit dem Bade ausschütten, wollte man den Hamerschen Ansatz ganz ablehnen. Trotz aller Bedenken ist die Lektüre seines Buches faszinierend, weil er es versteht, komplexe Sachverhalte brillant und doch verständlich darzustellen. Und man wird schwerlich einen Schulmediziner finden, der über ein so detailliertes Wissen verfügt wie Dr. Hamer und es gleichzeitig fertig bringt, die Fülle des Materials in ein System zu bringen. Ein so geschlossener Entwurf einer Medizin auf rein naturwissenschaftlicher Basis hat es wohl seit Rudolf Virchows "Cellularpathologie" (1858) nicht mehr gegeben. Allein das verleiht dem Buch einen unschätzbaren Wert. Trotz der Einwände eines Ganzheitsmediziners ist die Lektüre jedem zu empfehlen, der sich mit Heilung befaßt. Und es wäre sicher ein Segen, wenn sich auch die Schulmediziner mit diesem Buch und seinem Ansatz auseinandersetzen würden und damit kritisch mit ihrem eigenen Tun, denn: "Wer irrt, kann ein Weiser werden, wer aber aus seinen Fehlern nicht lernt, bleibt ein Tor".
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