
Kleine Zeitung, 25.12.90
Impressum
Universität, Medizin und Dr. Hamer
Unser Gastkommentar
Das Phänomen Dr. Hamer ist ein Zeichen der Krankheit unserer Medizin, der Universität
uns unseres westlichen Systems einer einseitig rationalen, auf das Äußerliche
ausgerichteten und technischen Weltsicht, meint der Rektor der Grazer
Karl-Franzens-Universität, Prof. Dr. Thomas Kenner
Universität, Medizin und Dr. Hamer
von Thomas Kenner
Am 27. November 1990 hat Prof. Hans Schaefer in Graz einen
wegweisenden Vortrag über das Thema "Universitätsbildung heute und morgen"
gehalten. Er hat dabei die zwei Komponenten des menschlichen Denkens und Lebens, Ratio und
Emotio als Schwerpunkte einer universitären Ausbildung und Bildung angesprochen. Im
ärztlichen Berufsumfeld findet sich der Aspekt dieser zwei Komponenten in den sich
ergänzenden Begriffen Heilkunde und Heilkunst.
Das Unglück in der heutigen Zeit rührt daher, daß die beiden Komponenten nicht, wie
es sein sollte, miteinander verbunden bleiben, sondern daß im Gegenteil eine immer
größere Spannung auftritt: Auf der einen Seite finden sich die Vertreter des rationalen
Denkens und der Verfeinerung der Technik, auf der anderen Seite stehen die Verfechter der
menschlichen Zuwendung, manchmal etwas abfällig als jene bezeichnet, "die meinen,
man komme in der Medizin mit Händchenhalten aus". Die Vorkämpfer des "neuen
Weges" in der Reform des Medizinstudiums versuchen zu erreichen, die beiden
auseinanderstrebenden Teile wieder zusammenzubringen.
Auseinanderstreben
Bei uns in Österreich befürchte ich, ist das Auseinanderstreben in vollem Gange.
Unsere Kliniken werden in technischer, apparativer Hinsicht durchaus für den
Spitzenbedarf eingerichtet. Die menschliche Zuwendung bietet hingegen Personen an, die
sich bewußt in Gegensatz zur "Schulmedizin" stellen. Die Zuwendung zum
Patienten wird hier als Kontrapunkt und bittere Feindschaft gegen die derzeitig gültige
Lehrmeinung - gegen das Lehramt - aufgefaßt. Bewußt habe ich hier den Ausdruck Lehramt
angeschrieben, um anzudeuten, wie sich hier die Bilder dieses modernen Trends gleichen: in
Medizin und Religion. Wir haben eine wirklich fundamentale Spaltung vor uns, die, wie die
Physiologen wissen, der Funktionsteilung der beiden Gehirnhälften entspricht.
Kein Personal
Fast täglich erhalten wir in den Medien Nachrichten über Probleme der Spitäler und
des Gesundheitswesens, vor allem finanzieller Art. Wenn man mit Patienten oder auch mit
Studenten oder Ärzten spricht, die Einblick in unsere Kliniken haben, dann ergibt sich
das Bild, daß wohl die technischen Möglichkeiten, Untersuchungsmethoden, Labors etc.,
dem modernsten Standard entsprechen; mit der Organisation, der Personal-, Raum- und
Zeiteinteilung sieht es schon wesentlich schlechter aus. Für menschliche Zuwendung
schließlich ist weder Personal noch Zeit verfügbar.
Phänomene wie Dr. Hamer, ein Arzt, der, nach seinem
Buch "Vermächtnis einer Neuen Medizin" zu schließen, nie wirklich die
biologischen Grundlagen der Medizin verstanden hat, sind die Konsequenz, die ebenso wie
Lainz schon lange vorherzusehen war. Dr. Hamer hat das Charisma, Patienten, vor allem
unheilbare Kranke, in überzeugender Weise menschlich und persönlich ansprechen zu
können, und dazu, wie erwähnt, den entsprechenden notwendigen aggressiven Ton gegen die
"Schulmedizin" zu finden. Patienten fallen darauf herein. Die Erfolge des
Zuspruchs sollen nicht geleugnet werden. Die Mißerfolge infolge Verhinderung der
notwendigen medizinisch-therapeutischen Maßnahmen sind tragisch und werden auch dem
Verursacher voll angelastet werden müssen; sie werden dem Spektakel, auf das auch die
Medien hereinfallen, irgendwann ein Ende bereiten.
Menschliche Zuwendung und Beschimpfungen der "Schulmedizin" sind als
gefährliche Kombination notwendig, um Patienten, die sich ja an ihre gewohnten Ärzte und
Kliniken trotz manchmal schlechter Behandlung gebunden fühlen, loszueisen und zu binden.
Wir "Schulmediziner" sollten uns an die Brust klopfen und mehr tun, als nur
ein flüchtiges "mea culpa" sagen. Der Trend, Zuflucht zu Sektierern,
Sonderlingen und Gegnern des "Systems" zu nehmen - wieder die Ähnlichkeit mit
gleichen Trends im religiösen Bereich - , sollte zum Denken und vor allem zum Handeln
zwingen.
Es reicht nicht, zurückzuschimpfen. Kritik und Klarstellung lassen sich zunächst um
des erlernten und erarbeiteten Fachwissens willen nicht vermeiden. Dann aber ist zu
fragen: Wie ist es an unseren Kliniken mit der menschlichen Zuwendung bestellt? Wie steht
es mit der ärztlichen Sorge um die Patienten, die mit Kummer, Leiden und Schmerzen in die
Ordination oder ins Spital kommen? Können wir sagen, es ist sowieso alles bestens?
Können wir uns eine Medizin leisten, die mehr und mehr nur auf Technik und methodische
Perfektion Wert legt und alles, was das Persönliche und Menschliche betrifft, Pfuschern
überläßt?
Die Kritik an Dr. Hamer und an seine unqualifizierten Angriffen auf die
"Schulmedizin" sowie auch an seinen wissenschaftlich unhaltbaren Darstellungen
ist letztlich nur eine Ablenkungsreaktion, wenn man nicht hinterfragt: Warum hat er
solchen Zulauf? Mag es nicht sein, daß selbst so mancher Arzt im Falle einer eigenen
unheilbaren Erkrankung eben auch dort Zuflucht sucht, wo er sich persönlich angesprochen
fühlt?
Der Mangel an dieser Zuwendung im etablierten Klinikbetrieb ist weltweit! Nicht umsonst
fordert Dekan Tosteson von der berühmten Harward Medical School in
Boston, USA, in der wohl bekanntesten wissenschaftlichen Zeitschrift "New England
Journal of Medicine":
"Alle Ärzte müssen erkennen, daß es eine essentielle Einheit der
folgenden drei Ansichten eines Menschen gibt: als lebender Organismus (erschlossen durch
die Naturwissenschaft), als Mitglied der Gesellschaft (erschlossen durch die
Sozialwissenschaft) und als einmalige Persönlichkeit (verständlich durch die
Geisteswissenschaft)."
Tatsächlich müssen wir endlich einsehen, daß alle drei Ansichten wesentlich sind und
die zuletzt genannte wegen des persönlichen Kontaktes die emotional am tiefsten
eindringende ist.
Ich komme damit nochmals zum Ausgangspunkt dieses Artikels, zur
"Universitätsbildung heute und morgen". In aller Ausbildung und Bildung an den
Universitäten muß es zentral um den Menschen gehen. Ganz besonders in der Ausbildung und
Bildung von Ärzten.
Ich habe kürzlich einen Vortrag über Medizinstudienreformen gehalten. Im Verlaufe
dieses Vortrages, in dem ich versucht habe, neue im Vorentwurf vorliegende Konzepte
darzustellen, ist mir wieder einmal klar geworden, daß alle im Rahmen einer Reform
geplanten Änderungen nichts bringen, wenn man nicht die "Person der Handlung",
vor allem die Lehrer, die Professoren und Assistenten und auch die von den Mittelschulen
schlecht vorgebildeten Studenten, ändern kann. Reformen ohne Änderung der persönlichen
Einstellung sind nutzlos. Umgekehrt könne man sich bei entsprechender Änderung der
persönlichen Einstellung Reformen - wenigstens weitgehendst - ersparen! Man könne das
auch so ausdrücken: Konsequente Nutzung der derzeit vorliegenden Vorschriften und
gesetzlichen Möglichkeiten bei entsprechender Modifikation der persönlichen Einstellung
würde revolutionäre Neuerungen ermöglichen. Welcher Art diese Modifikation sein
müßte, entspricht dem, was Dekan Tosteson in seiner Darstellung der
drei Ansichten des Menschen beschrieben hat.
In die verkehrte Richtung
Was derzeit bei uns geschieht, scheint mir völlig in die verkehrte Richtung zu gehen.
Es wird nicht versucht, die Einstellung und Motivation der Personen zu verbessern, sondern
es werden immer kompliziertere und einengendere Vorschriften erlassen, die unsere
Handlungsfähigkeit immer mehr einschränken und damit den Trend zum rein
rational-technischen und weg von der menschlichen Zuwendung immer mehr verstärken.
Und gleichzeitig zerfällt die Universitas litterarum, die Gemeinschaft aller
Wissenschaften, und auch die Universitas magistrorum et scholarium, die Gemeinschaft der
Lehrer und Studenten, unpersönlich und beziehungslos in ihre Bestandteile.
Das Phänomen Dr. Hamer sollte als Menetekel gewertet werden und zum Handeln
drängen!
siehe auch:
Kleine Zeitung, 29.1.91: Die Schulmedizin ist schlicht
falsch