
Die ganze Woche, 27.09.1995
Impressum
Interview: Olivias Chirurg Univ.-Prof. Dr. Horcher
"Es liegt jetzt an den Eltern, wann Olivia heim
darf"
Vergangene Woche wurde Olivia Pilhar vom Kinderchirurgen
Ernst Horcher im Wiener AKH operiert. Im WOCHE-Interview schildert er, wie der
Eingriff verlaufen ist, was Olivia nun bevorsteht und wie er den Konflikt mit
Erika und Helmut Pilhar sieht. "Wenn die Eltern mitspielen würden",
meint er, "könnte Olivia eigentlich heimgehen."
WOCHE: Wie geht es Olivia derzeit?
Horcher: Es geht ihr wirklich gut. Sie kann schon ein
wenig aufstehen. Sie ißt, wenn auch schlecht.
Ist Ihnen so ein Fall, daß Eltern eine Behandlung
verweigern, schon öfters untergekommen?
Ja, das ist kein Einzelfall. Erst kürzlich hatten wir ein
Neugeborenes mit einem Tumor, wo die Eltern der Therapie nicht zugestimmt haben.
Sie nahmen ihr Kind auf Revers nach Hause. Auch hier hätten wir die Fürsorge
eingeschaltet, wenn es sich die Eltern dann nicht doch wieder anders überlegt
hätten.
Sollen Eltern das Recht haben, die Therapie für ihre Kinder
selbst zu bestimmen?
Wir haben hier im Haus eine Ethik-Kommission, die von Anfang
an mit dem Fall Olivia befaßt wurde. Wir sind ja über den Fall nicht
frisch-fröhlich darübergefahren, so wie wir dem Kind ja auch nicht
nachgelaufen sind, um hier etwas zu demonstrieren. Uns wurde der Fall in letzter
Sekunde quasi aufs Aug´ gedrückt.
Stimmen Sie der Aussage Professor Julius Hackethals zu, daß
die Schulmedizin an einer Vertrauenskrise leidet, daß sie immer mehr zur
Apparatemedizin verkommt?
Nein. Nie zuvor sind wir so auf die Patienten eingegangen.
Früher hat man gesagt; Maier, Sie ham an Gallenstein. Morgen wird operiert.
Heute ließe sich das keiner gefallen. Es gibt Aufklärungsgespräche noch und
noch. Und durch die Apparatemedizin hat sich die Sicherheit der Diagnose
vervielfacht.
Wodurch erklären Sie sich den Zuspruch, den sogenannte
Wunderheiler haben?
Die Erwartungen an die moderne Medizin sind oft bis ins
Irreale vergrößert. Es herrscht der Glaube, daß alles machbar sei. Daß jeder
irgendwann stirbt, wird so gut wie möglich verdrängt. Und wenn jemand an diese
Grenze stößt, dann ist natürlich der Raum weit offen für jemanden, der
Wunder verspricht.
Welchen Zugang haben Sie persönlich zu
alternativen Heilmethoden?
Viele meiner Patienten haben bösartige Erkrankungen. Und
fast alle verwenden in irgendeiner Art und Weise alternative
Methoden. Ich rate
davon nur ab, wenn die Methoden völlig luftleer sind.
Wie die von Hamer?
Ich kenne seine Theorien nicht im Detail. Aber vorletzte
Woche bekam ich einen Brief von ihm, wo er Dinge behauptet, die wissenschaftlich
durch nichts fundiert sind. Wenn einer meiner Studenten solche Diagnosen stellt,
fliegt er sofort durch. Er macht es sich sehr leicht. Wenn zu uns ein
Krebspatient kommt, dann bereiten wir ihn auf die Chemotherapie vor, sagen ihm,
daß er die Haare verlieren wird, daß er eventuell Spätschäden hat, daß er
operiert werden muß und dann später vielleicht auch noch bestrahlt. Wir
schenken reinen Wein ein, wenn auch bitteren. Und dann kommt einer mit der
Alternative: Bei mir brauchen S´ nur nach Malaga fliegen, ich reibe Sie mit
Sonnenöl ein, und Sie werden gesund. Sagen kann man sowas leicht. Ich habe es
gründlich satt, daß uns Lug und Trug vorgeworfen wird.
Ist aber nicht auch das Mißtrauen verständlich gegenüber
einem derartigen Geschäft, wie es die Medizin geworden ist? Es heißt, daß
allein im deutschsprachigem Raum mit Krebstherapien ein jährlicher Umsatz von
700 Milliarden Schilling erzielt wird? Bei derartigen Summen kommt es leicht zu
mafiosen Begleiterscheinungen, die alles bekämpfen, was dem Geschäft schadet.
Diese Summe kann ich nicht bestätigen. Aber es stimmt schon,
die Chemotherapien sind teuer. Deshalb von
Pharma-Mafia zu sprechen, ist absurd.
Die verdienen auch an Kopfwehmitteln, und niemand verlangt deren Abschaffung.
Was gebraucht wird, wird erzeugt.
Was sagen Sie zur These
Hamers, daß Krebs allein durch
Konflikte entsteht?
Daß Kränken krank macht, ist eine Binsenweisheit. Ein
Wilms-Tumor entsteht aber sicher nicht dadurch. Ich habe hierzulande sicher die
meisten Wilms-Tumore operiert und einen guten Überblick. Vor kurzem hatte ein
Kind schon im Mutterleib einen solchen Tumor. Wo kam denn hier der sogenannte
Hamersche Schock her?
Wie steht es mit Olivias
Eltern? Mit Helmut Pilhar kam es ja
noch in der Nacht vor der Operation zum Konflikt.
Ja, er rief in der Nacht an. Da war ich schon etwas
irritiert. Er verfolgt noch immer eine Verzögerungstaktik, die mir schleierhaft
ist. Mit der Mutter tue ich mir leichter. Sie hat zwar nie ausdrücklich
zugestimmt, aber auch nicht dezidiert gesagt, daß sie gegen die Operation ist.
Aufgeklärt habe ich sie vor der Operation, so wie jede andere Mutter auch.
Sind Sie dafür, daß die Eltern das
Sorgerecht wieder
bekommen?
Wir wollen beide Eltern integrieren. Und das Pflegerecht
sollen Sie sofort zurückerhalten, wenn Olivia geheilt ist oder die
Weiterbehandlung durch die Eltern gesichert ist.
Wie lange dauert die Chemotherapie noch?
Alle Phase zusammen 27 Wochen.
Kann Olivia zwischendurch nach Hause?
Ja, eigentlich schon. Es müßte nur die Sicherheit gegeben
sein, daß sie für die Therapien wieder hereinkommt. Aber wenn sie wieder
flüchten, sind die Erfolgsaussichten zunichte. Das können wir nicht noch
einmal riskieren, also bleibt Olivia die Zeit hier.
Sie haben Olivias rechte Niere bei der Operation entfernt.
Was erwartet sie nun mit einer Niere? Hält diese den Belastungen der
Chemotherapie überhaupt stand?
Die linke Niere funktioniert ausgezeichnet. Sie vergrößert
sich in der Folge und übernimmt auch zum Teil die Funktion der fehlenden Niere.
Hier sehe ich kein Problem. Der Heilungsverlauf ist klaglos.
Der Tumor ist durch die
Chemotherapie gewaltig geschrumpft.
Gab es Unterschiede, ob die Operation nun im Mai oder erst jetzt, am 18.
September, erfolgt ist?
Durch die Verzögerung ist sehr wohl Schaden entstanden. Es
gab Metastasen an Lunge und Leber. Die Chemotherapie mußte massiver sein als im
Mai.
Sehen sie den Fall Olivia auch als Chance, das Vertrauen in
die Schulmedizin weitgehend zurückzugewinnen?
Wenn das Vertrauen in wissenschaftlich fundierte Methoden
damit gewachsen sind, so freuen wir uns darüber.
Zur Person
Univ.-Prof. Dr. Ernst Horcher wurde am 30. März 1944 in
Ostermiething (OÖ) geboren. Er besuchte in Salzburg das Gymnasium.
Medizinstudium in Wien, das er 1969 beendet. Spezialisierung auf
Kinderchirurgie. 1974 tritt er seinen Dienst an der II. Chirurgischen
Universitätsklinik an und habilitiert sich dort 1981. Nach Stationen im
St.-Anna-Kinderspital und im Mautner-Markhof-Spital übernimmt er am 1. Juni
1994 die Leitung der Klinik für Kinderchirurgie im AKH. Ernst Horcher
wohnt in
Perchtoldsdorf bei Wien. Seine Hobbys: Chorgesang, Skifahren und Tennis.
Was man noch wissen sollte
Aus welchen Gründen sind Sie Arzt geworden?
Ich habe seit der 7. Klasse Gymnasium einfach gewußt, daß
ich diesen Beruf ergreifen will. Ich hatte keine andere Alternative.
Wie könnte Herr Pilhar wieder Vertrauen zur Schulmedizin
fassen?
Er müßte versuchen, den Weg zur Realität wiederzufinden.
Dazu gehört beispielsweise, daß er das Gespräch mit den behandelnden Ärzte
sucht.
Waren Sie nach der Operation stolz?
Die Operation ist völlig ruhig abgelaufen. Ich war
eigentlich danach relativ emotionslos, Ja, erleichtert natürlich, es ging ja um
sehr viel. Ich war froh für das Kind und irgendwie glücklich.
Das Gespräch führte Bert Ehgartner
Anmerkung:
Der präpotenten Schulmedizin hätte Herr Univ. Prof. Dr. Ernst Horcher
kein treffenderes Denkmal errichten können, als mit diesem Interview!
Merkwürdig ist, daß in diesem Interview einer
österr. Wochenzeitschrift
mit dem Chirurgen kein Wort von einer angeblichen 'Bedrohung' des Vaters ihm
gegenüber verloren wird, obwohl es sehr ausführlich ausfiel und auch den
Anschein einer wortgetreuen Widergabe vermittelt.
Das Verhältnis zwischen der Wochenzeitschrift 'Die ganze Woche', im
speziellen mit dem Artikelschreiber und damaligen Chefredakteur, Bert Ehgartner,
und der Familie Pilhar war gut. Diese Wochenzeitschrift und die Tageszeitung 'täglich
Alles' (Inhaber: Kurt Falk) waren mit Abstand die einzigen
österr. Zeitungen, die halbwegs objektiv über diese Causa berichtet hatten
(zumindest anfänglich). Herr Ehgartner hätte mich mit ziemlicher
Sicherheit rückgerufen, um zu recherchieren, ob von mir tatsächlich eine
Bedrohung ausgegangen war. Es liegt deshalb für mich die Vermutung nahe, daß
der Chirurg in diesem Interview keine Andeutung einer angeblichen Bedrohung
machte.
siehe auch:
Medienklage Pilhar gegen 'Die
Neue Kronen'