St. Galler Tagblatt, 26.1.2000
Impressum
Ein Herisauer verbreitet fragwürdige Thesen
red. Derzeit bereist Harald Baumann aus Herisau mit Thesen
der «Neuen Medizin» den Thurgau. Baumann geisselt die Schulmedizin als
«tödliche Scharlatanerie» und verzichtet auf die Anwendung von Medikamenten.
Seit fünf Jahren verbreitet Baumann die Lehre des
deutschen Arztes Ryke Geerd Hamer. Die «NEUE
MEDIZIN» wird von der
Schulmedizin als gefährlich bezeichnet, weil Schmerzen nicht bekämpft werden
dürfen. Traurige Berühmtheit erlangte 1995 der Fall der sechsjährigen Olivia
Pilhar aus Österreich. Die Eltern, Anhänger von Hamer, weigerten sich, den
Nierenkrebs ihrer Tochter behandeln zu lassen.
Ostschweiz/37
Botschafter «wundervoller Krankheit»
Die «NEUE
MEDIZIN» verzichtet auf die Anwendung von
Medikamenten - Ein Herisauer verbreitet die fragwürdigen Thesen
Krebs, AIDS,
Multiple Sklerose und andere Krankheiten sind
Zeichen für innere Konflikte eines Menschen und dürfen nicht mit der
Schulmedizin behandelt werden: Auf dieser Grundlage beruht die umstrittene «NEUE
MEDIZIN». Ihr Kopf in der Schweiz ist der Herisauer Harald Baumann.
Stefan Millius
Raucher können aufatmen: Wenn die «NEUE
MEDIZIN» Recht
hat, verursacht nicht etwa Nikotin Lungenkrebs; verantwortlich ist vielmehr ein
«Todesangst-Konflikt». Und leidet eine Frau beispielsweise darunter, dass ihr
Kind nicht mehr bei ihr wohnt, ist ein «Trennungskonflikt» die Folge, und der
führt schon bald zu Brustkrebs.
«Krank wegen Konflikten»
Auf diese Weise lassen sich laut dem deutschen Arzt Ryke
Geerd Hamer, dem «Entdecker» der «Neuen Medizin», sämtliche Krankheiten auf
Schockereignisse und daraus entstehende Konflikte zurückleiten. Löst man den
Konflikt, verschwindet die Krankheit ganz von selbst. Leukämie ist gemäss
dieser These eine «wunderbare Botschaft», die eine Heilung des Konflikts
ankündigt.
Todesfälle
Die Schulmedizin ist sich für einmal einig: Die Lehre der
«Neuen Medizin» wird durchwegs als absurd und gefährlich bezeichnet. Weil
Schmerzen als «Ausdruck der Heilung» nicht bekämpft werden dürfen, gehen vor
allem Krebskranke nicht selten durch die Hölle, indem sie auf die Linderung
durch Schmerzmittel verzichten. Einige Patienten von Ryke Geerd
Hamer starben
sogar, weil er Behandlungen in Spitälern nicht zuliess. Besonders verpönt ist
die Chemotherapie, die nach Harald Baumanns Worten
«grössere Verbrechen
ausübt als Hitler, Stalin und Pol Pot zusammen».
«Persönlicher Schüler»
Trotz ihres schlechten Rufes hat die «NEUE
MEDIZIN» einige
Anhänger gefunden. Der in Herisau wohnhafte Harald Baumann trägt ihre
Botschaft seit rund fünf Jahren quer durch die Schweiz. Er bezeichnet sich als
«persönlichen Schüler» Hamers; dieser sei auch regelmässig bei ihm in
Herisau zu Gast. Vor durchschnittlich nicht mehr als einem Dutzend Zuhörerinnen
und Zuhörern, die in der Regel bereits zum Anhängerkreis gehören, predigt
Baumann die Ideen von Ryke Geerd Hamer und geisselt
die Schulmedizin als
«tödliche Scharlatanerie». Zurzeit bereist der Herisauer den Kanton Thurgau:
Bis Mitte Mai sind acht öffentliche Vortragsabende
geplant. Ausserdem findet
noch bis März ein regelmässiger «Stammtisch-Treff» in einem Restaurant in
Wil statt. Immer mit von der Partie: Baumanns Frau, die Herisauer Naturärztin
Arlette Büchel.
Vortrag an Pflegeschule
Arlette Büchel hält selbst noch keine Vorträge zum Thema,
gibt aber ihr Wissen in anderen Therapieformen weiter. So erteilte sie
beispielsweise am 18. Januar dieses Jahres eine Einführung in Farbentherapie an
der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege Stephanshorn in St.Gallen. Laut
einer Lehrerin kam der Themenvorschlag aus einer Klasse; die Schülerinnen und
Schüler konnten den Anlass wie ein Freifach besuchen, waren aber nicht dazu
verpflichtet. Die Verbindung der Naturärztin mit der umstrittenen Medizin sei
an der Schule nicht bekannt gewesen. In der Regel erhalten allerdings weder
Baumann noch Büchel Zugang zu Institutionen der Schulmedizin. Baumann schliesst
daraus, dass es ein Komplott gebe, und wie Hamer selbst bezeichnet er die
Schulmediziner als «Logenbrüder und
Geheimbündler», die eine Art «Weltregierung» bilden.
Uriella und Kessler
Vor dem Hintergrund solcher Aussagen interessieren sich auch
Sektenexperten wie der Journalist Hugo Stamm
für die seltsamen
«Heilmethoden». Anscheinend nicht zu Unrecht: Im berühmt gewordenen Fall der
kleinen Olivia erhielt Hamer Schützenhilfe von Mitgliedern der Uriella-Sekte
«Fiat Lux». Ebenfalls begeistert von der «Neuen Medizin» ist der
streitlustige Thurgauer Tierschützer Erwin Kessler, vor allem, weil nach
Hamers
Thesen Tierversuche unsinnig sind.
Kessler lobte Hamer in seinen
«VgT-Nachrichten»
im März 1997 ausdrücklich und führte Harald Baumanns Adresse für weitere
Informationen auf.
Kleine Wirkung
Trotz der Unterstützung solch «illustrer Kreise» blieb die
«NEUE MEDIZIN» in der Schweiz bis heute bedeutungslos. Noch vor wenigen Jahren
erklärte Harald Baumann, bald würden die Menschen zu Hunderten an seine
Vorträge strömen. Auf einen solchen Andrang wartet er bis heute vergeblich.
Neuerdings werden die Besucher sogar zur Kasse gebeten: Bei den Vorträgen im
Thurgau werden acht Franken Eintritt verlangt. Das ist allerdings ein Klacks,
verglichen mit den Summen, die für Bücher, Ton- und Videoaufnahmen
hingeblättert werden müssen. Durch den Verkauf dieser Artikel finanzieren
Baumann und Büchel ihre Vortragstätigkeit. «Ohne Baumann», ist der
Sektenexperte Hugo Stamm
überzeugt, «gäbe es die NEUE
MEDIZIN in der Schweiz
längst nicht mehr.»
Die Entstehungsgeschichte der «Neuen Medizin» liest sich
wie ein Krimi: Am 18. August 1978 schiesst der italienische Erbprinz Vittorio
Emanuele von Savoyen
versehentlich den Deutschen Dirk Hamer an. Vier Monate
später stirbt Dirk an den Folgen der Verletzung in den Armen seines Vaters, des
Arztes Ryke Geerd Hamer. Der Mediziner überwindet diesen Schock nicht. Als
Hamer kurz darauf an Hodenkrebs erkrankt, zieht er daraus seine eigenen
Schlüsse und «entdeckt» die so genannte «NEUE
MEDIZIN». Sie geht davon aus,
dass jede Krankheit die Folge eines Schockereignisses, eines inneren Konflikts,
ist. Bei Hamer selbst war demzufolge ein «Verlustkonflikt» Ursache des
Krebses. Ryke Geerd Hamer hat inzwischen die Berufszulassung verloren und wurde
zu 19 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er weiterhin praktizierte.
Traurige Berühmtheit erlangte die «NEUE
MEDIZIN» 1995
durch den Fall der sechsjährigen Olivia Pilhar aus Österreich. Die Eltern,
überzeugte Anhänger von Hamer, weigerten sich, den Nierenkrebs ihrer Tochter
im Spital behandeln zu lassen und flüchteten vor den Behörden, begleitet von
einem TV-Journalisten, der den Zerfall des Kindes dokumentierte. Im letzten
Moment konnten die Ärzte das Mädchen doch noch mit Chemotherapie
behandeln -
erfolgreich. Olivia ist heute vollständig gesund. Ihre Eltern halten an der
«Neuen Medizin» fest.
stm.
siehe auch:
Eltern
Pilhar an St. Galler Tagblatt, 27.1.00 - Begehren einer Richtigstellung