Sonntag aktuell, 27.02.2000
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Klüngel regiert bei Krebsmedizin
Bis hin zu Morddrohungen
München (AP). Auf dem Markt für teure Krebsmedikamente
herrschen nach Erkenntnissen von Krankenkassen zumindest in Norddeutschland
mafiaähnliche Zustände.
"Wir gehen von organisierten Strukturen aus",
erklärte der Sprecher der AOK in Niedersachsen, Klaus Altmann, dem
Nachrichtenmagazin ‚Focus‘. "Wir haben Hinweise, daß der Markt für
hochpreisige Medikamente im Bereich Zytostatika
und künstliche Ernährung fast komplett in der Hand weniger Apotheken, Ärzte
und Vermittlerfirmen ist." Die Krankenversicherungen rechneten mit einem
Schaden in zweistelliger Millionenhöhe, hieß es.
In Niedersachsen, Hamburg und Bremen sind seit längerem
Ermittlungen im Gang. Eine Firma in Lüneburg soll Ärzte veranlaßt haben, für
die künstliche Ernährung von Krebskranken übertriebene Mengen im Wert von 800
bis 1000 Mark pro Tag zu verordnen – auch dann noch, als die Patienten
gestorben waren. Der AOK fiel auch auf, daß eine Lüneburger Apotheke
Medikamente für Krebspatienten in ganz Niedersachsen abrechnete.
Es besteht der Verdacht, daß solche Rezepte über
Servicefirmen an Apotheken gegeben wurden, die bei den Krankenversicherungen
abkassierten, ohne daß die verordneten Mittel jemals an Kranke gelangten. In
Bremen wird ermittelt, weil AIDSkranke Rezepte gegen Bargeld an Apotheken
verkauft haben sollen. Ärzte sollen das Zwei- bis Dreifache der notwendigen
Medikamentenmengen verschrieben haben.
‚Focus‘ schrieb, die "Keimzelle des Klüngels"
in Niedersachsen scheine die Medizinische Hochschule Hannover zu sein. Die
mutmaßlich an den dubiosen Millionengeschäften beteiligten Ärzte hätten sich
dort einst kennengelernt. Dem Blatt zufolge bestätigte die Staatsanwaltschaft
Ermittlungen gegen einen Professor, der früher an der Hochschule tätig war.
Ein Apotheker sagte, er habe regelmäßig die Hochschule und
das Siloah-Krankenhaus mit teuren Krebsmedikamenten beliefert. Dann seien
plötzlich keine Rezepte mehr gekommen. Schließlich sei er auf den Vorschlag
eines Arztes eingegangen, dessen Pharmafirma an seinem Verdienst mit
Krebsmedikamenten zu beteiligen, "und prompt lief das Geschäft wieder wie
geschmiert". Der Geschäftsführer der niedersächsischen Apothekerkammer,
Götz Schütte, erhielt nach eigenen Angaben eine Morddrohung, als er Hinweisen
auf krumme Geschäfte nachging. "Die nehme ich ernst", sagte er dem
Nachrichtenmagazin.