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Pressespiegel 2006

Schwäbische Zeitung, Friedrichshafen, 19.01.2006

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Gesundheitsamt warnt vor Wunderheiler-Theorie

IMMENSTAAD – Helmut Pilhar, Vertreter der „Germanischen Neuen Medizin“, will laut einem SZ-Informanten am Freitag, 27. Jänner, einen Vortrag in Immenstaad halten. Wo, ist noch geheim. Das Gesundheitsamt des Bodenseekreises rät dringend davon ab, Helmut Pilhar ein Forum zu geben. Die Polizei lässt ein mögliches Vorgehen offen.

Von unserer Redakteurin
Hildegard Nagler

Pilhar wird mit dem selbst ernannten deutschen Wunderheiler Ryke Geerd Hamer in Verbindung gebracht. Beide sind im Zusammenhang mit Pilhars Tochter Olivia bekannt geworden. Die Sechsjährige war 1995 an Krebs erkrankt. „Ein furchtbarer Schock für Eltern“, schreibt dazu Pilhar. Und weiter: „Unser erster Weg führt uns in die schulmedizinische Onkologie. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir keine Ahnung, wie eine solche Krebstherapie aussieht und was Chemo eigentlich ist. Als wir aber die in dieser ‚Therapie’ steckenden Kinder sahen, packte uns schieres Entsetzen.“ Die richtige Alternative zur Schulmedizin sahen die Pilhars in der Medizin von Hamer. Sie flohen mit der kranken Tochter ins Ausland. „Erst nach dem Entzug des Sorgerechts war eine erfolgreiche schulmedizinische Behandlung möglich“, heißt es bei der Deutschen Krebsgesellschaft.

Ihren Angaben zufolge gründet die „Germanische Neue Medizin®“ auf einer Erfahrung mit Hamers ältesten Sohn Dirk. Dieser war an den Folgen einer Schussverletzung gestorben. Wenige Monate später erkrankte der Vater an Hodenkrebs, weshalb er operiert wurde. „In den folgenden Monaten entwickelte Herr Hamer, inspiriert durch Träume von seinem Sohn Dirk eine Theorie über die Entstehung von Krebserkrankungen, die er als ‚Eiserne Regel des Krebses’ zusammenfasste und als – abgelehnte – Habilitationsschrift bei der Medizinischen Fakultät Tübingen einreichte“, so die Deutsche Krebsgesellschaft. Kernbestandteil dieser Theorie sei, dass der Auslöser jeder Krebserkrankung ein hochdramatisches Schockerlebnis ist, von Ryke Geerd HamerDirk-Hamer-Syndrom“ genannt – wie eben in seinem Falle der Verlust seines Sohnes. Dieses Schockerlebnis, behauptet Hamer, hinterlasse Spuren im Gehirn.

Fälle mit tödlichem Ausgang

Nach einer konfliktaktiven Phase, so Hamer weiter, folge, falls eine Lösung des zugrunde liegenden „biologische Konflikts“ gelinge, die Heilungsphase. Gelinge keine Konfliktlösung, bleibe der Patient in einer Dauerstressphase mit Verbrauch seiner Lebensenergien“, sein Tod sei „in der Kachexie“ (medizinisch: Kräfteverfall, d.Red.) möglich.

Olivia, die Tochter Pilhars, hatte Glück: Sie wurde durch schulmedizinische Behandlung gerettet. Die Deutsche Krebsgesellschaft schreibt: „Leider sind auch eine Reihe von Fällen mit tödlichem Ausgang in Deutschland und Frankreich gut dokumentiert. Insbesondere im Fall des 25-jährigen Sören Wechselbaum, der an Hodenkrebs erkrankt über ein Jahr Hamers Theorie vertraute, sind die tödlichen Folgen der Hamer’schen Theorie und des damit verbundenen Verzichts auf eine schulmedizinische Betreuung gut dokumentiert.“ Sörens Mutter Christa sagte dazu in einer „Report“-Sendung aus Mainz: „Wir demonstrieren heute, weil ich der Meinung bin, dass der Dr. Hamer und seine Konsorten meinen Sohn umgebracht haben.“

„In den Schriften von Hamer tritt eine eindeutige antisemitische Haltung zutage“, schreibt die Deutsche Krebsgesellschaft weiter, die eindringlich vor der „Germanischen Neuen Medizin“ warnt. Sie sei „mit allem Nachdruck als einerseits absurd, andererseits aber bewiesenermaßen gefährlich zurückzuweisen. Ihrer Verbreitung muß mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln – juristisch und auf dem Wege der Aufklärung – Einhalt geboten werden.

Nein aus Uhldingen-Mühldorf

Was beispielsweise im Juni 2004 in Uhldingen-Mühldorf geschah. Dort hatte die Tourist-Info Helmut Pilhar für einen Vortrag einen Raum zur Verfügung gestellt. Nachdem sich Bürgermeister Edgar Lamm, über die „Germanische Neue Medizin®“ und seine Anhänger informiert hatte, sagte er ab. Seine Begründung: „Die Gemeinde Uhldingen-Mühldorf stellt keine gemeindeeigenen Räumlichkeiten für solch obskure und antisemitische Veranstaltung zur Verfügung.“

Darauf setzt jetzt auch Dr. Bernd Kiß, Leiter des Gesundheitsamtes des Bodenseekreises, der sich der Stellungnahme der Deutschen Krebsgesellschaft anschließt. Von Seiten der Gemeinde Immenstaad, sagt Kiß, bekomme Pilhar kein Forum. Er hofft auch, dass Privatleute, sollten sie Pilhar zugesagt haben, eine Abfuhr erteilen. Kiß: „Die Germanische Neue Medizin® ist schlichtweg gefährlich.“

***

Auf einen Blick

„Die Schmerzen brachte sie fast um den Verstand“

Im „St. Galler Tagblatt“ schilderte eine Leserin den Leidensweg der Tochter einer Freundin, die Hamers Medizin vertraute und ihre Krebserkrankung nicht behandeln ließ. „Sie hatte geplatzte Geschwüre an der Brust, die bestialisch stanken, und schrie unter unerträglichen Schmerzen.“ Den Angaben der Leserbriefschreiberin zufolge starb die Frau wenige Tage später.

Weitere Fälle hat Hugo Stamm, Schweizer Journalist und Sektenexperte, dokumentiert. Unter dem Titel „Obskurer Krebstherapie vertraut“ – schilderte Stamm am 23. November 2000 im „Tages-Anzeiger“ den Fall einer 45-jährigen Krankenschwester, die auf Hamers Medizin setzte. Eine Zeit lang habe sie ihrer Mutter am Telefon bestätigt, sie sei auf dem Weg der Besserung. „Fünf Monate später kam einverzweifelter Hilferuf“, schreibt Stamm. Und weiter: „Die Mutter fuhr sofort zu ihr – und erschrak zu Tode, als sie die Tochter schlafend auf dem Sofa sah.“ „Um nicht laut loszuschreien, musste sie noch einmal aus der Wohnung“, erinnert sich die Mutter. „Da lag ein mit Haut überzogenes Skelett, eine alte Frau von 90 Jahren. Das Dickste an ihr war der Arm. Sie hatte unsägliche Schmerzen. Als ich sie wusch, sah ich, dass die linke Seite der Brust bis zum Rücken eine einzige schwärende, eiterndem stinkende, faule Wunde mit tiefen Kratern war.“ Als die Schmerzen nach wenigen Tagen unerträglich geworden seien, habe die Patientin ins Spital zugestimmt. Drei Tage später sei sie, die bis zuletzt an die Versprechen von Hamers Medizin geglaubt und noch am Tag vor ihrem Tod von der baldigen Genesung gesprochen habe, gestorben.

Ebenfalls unter dem Titel „Obskurer Krebstherapie vertraut“ beschreibt Stamm am 22. April 2003 im „Tages-Anzeiger“ Zürich den Fall der 47-jährigen Karin Roth, die bis zum letzten Tag ebenfalls Hamers Medizin vertraut habe und unter Qualen an Brustkrebs gestorben sei. „Fast ein Jahr lang regte sich der Knoten nicht, dann brach er unerwartet auf, die Blutung war kaum zu stillen ... Die Wunde wollte nicht mehr heilen und produzierte viel Eiter. Außerdem wurde Karin Roth immer schwächer. Bald zerfiel sie körperlich, konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und benötigte einen Rollstuhl. Die Schmerzen brachten sie fast um den Verstand.“

 

siehe auch:

Helmut Pilhar an Schwäbische Zeitung, 23.01.2006 - Leserbrief

Südkurier, 12.06.2004 - Zweierlei Verständnis von Verantwortung

Südkurier, 13.06.2004 - Bürgermeister reagiert schnell

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