Auch Ärzte beginnen, die Erfolgsstory ihres Metiers in einem Matten Licht zu sehen.
Ihre Zweifel beziehen sich beispielsweise auf einen Befund, der bislang als wichtiger
Beweis für die Tüchtigkeit der Mediziner allseits akzeptiert worden ist. Er besagt, daß
sich seit der Jahrhundertwende die menschliche Lebenserwartung in den Industrieländern
nahezu verdoppelt habe. Das stimmt, jedenfalls auf den ersten Blick. So hatten die im
Jahre 1900 geborenen Amerikaner im Durchschnitt eine Lebensdauer von 47 Jahren zu
erwarten. Kinder, die 1980 in den USA zur Welt kommen, dürfen hingegen mit 73
Lebensjahren rechnen - ein Zugewinn von 26 Jahren. Mehr oder minder ähnlich verlief die
Entwicklung bei den übrigen Industrievölkern.
Auf den zweiten Blick jedoch, den die ärztlichen
Statistiker bisher gern vermieden,
wird in der Rechnung ein Pferdefuß sichtbar. US-Bürger nämlich, die 1900 das 45.
Lebensjahr erreichten, hatten der Statistik zufolge damals schon die Chance, immerhin 69
Jahre alt zu werden. Für die erwachsene Bevölkerung ist demnach die Lebenserwartung nur
um karge vier Jahre gestiegen.
Trotz all ihrer unbestreitbaren Glanzleistung und einer immensen Steigerung der
ärztlichen Dienstleistungen, folgern daraus Skeptiker, habe die moderne Medizin seit
Kaiser Wilhelms Zeiten die Volksgesundheit offenbar nicht sonderlich kräftigen können.
Und der erreichte, bescheidene Effekt, so schließen sie aus den
Statistiken, beruhe
ganz überwiegend auf der noch am ehesten erfolgreichen Bekämpfung der Kinderkrankheiten
sowie der damit verbundenen Senkung der einstmals extrem hohen Säuglingssterblichkeit.
"Die moderne Medizin", urteilt denn auch der britische Sozialmediziner
Professor Thomas McKeown, "ist nicht annähernd so
wirkungsvoll, wie die meisten Menschen glauben." Viele der Wohltaten,
die bis vor kurzem der wissenschaftlichen Heilkunde gutgeschrieben wurden, gehen nach
Ansicht des Professors in Wahrheit keineswegs auf das Konto der Mediziner.
Beim Studium alter Sterberegister, die in England und Wales schon seit 1840 Angaben
über Todesursachen enthalten, kam McKeown zu erstaunlichen
Erkenntnissen: Die Sterblichkeit an zahlreichen Krankheiten, darunter Cholera, Typhus,
Tuberkulose, Masern, Scharlach oder Keuchhusten, ging bereits damals kontinuierlich
zurück - lange bevor die Erreger dieser Seuchen identifiziert und Medikamente gegen sie
entwickelt wurden.
Weder die Entdeckung bestimmter
Mikroben, gewöhnlich als "Durchbruch"
gefeiert, noch der meist viel später beginnende Einsatz entsprechender Heilmittel hatte,
wie McKeown feststellte, jemals einen nennenswerten Einfluß auf den
gleichmäßigen Abwärtstrend der Sterblichkeitskurven.
Zum Beispiel: An Tuberkulose starben 1840 in England und Wales rund 4000 Menschen; im
Jahre 1882 als Robert Koch den Tuberkel-Bazillus entdeckte, wurde dort nur noch 2000
Tuberkulose-Opfer verzeichnet.
Als schließlich 1947 mit dem Antibiotikum Streptomycin das erste wirksame
Medikament gegen Tuberkulose auf den Markt kam, erlagen dem Lungenleiden in
Großbritannien jährlich nur mehr 400 Menschen. Den Anteil des angeblichen Wundermittels
am Rückgang der Tuberkulose seit etwa 1850 beziffert McKeown auf
lediglich drei Prozent.
Auch die Mortalitätskurven anderer Krankheiten knickten durchaus nicht steil ab,
sobald die Pharma-Industrie mit der Massenfabrikation von geeigneten Impfstoffen begann -
einzige Ausnahme: die spinale Kinderlähmung; ihr machten schon die ersten Impf-Kampagnen
abrupt den Garaus.
Was aber, wenn nicht die Medizin, hat in den entwickelten Ländern die
Widerstandsfähigkeit der Menschen gegen so viele Krankheiten derart dramatisch erhöht?
Und weshalb ist, zweitens, gleichwohl dort die Lebenserwartung für Erwachsene in den
letzten 100 Jahren nur unwesentlich gestiegen?
Frage eins beantwortet Sozialmediziner McKeown mit dem Hinweis auf
eine allgemeine Verbesserung der Lebensumstände, die schon gegen Ende des 18.
Jahrhunderts begonnen hatte. Damals nahm, unter anderem, überall in Europa die
Nahrungsmittelproduktion einen beträchtlichen Aufschwung.
Entsprechend sank in der folgenden Zeit die Zahl mangelhaft ernährter Europäer - und
zugleich verringerte sich die Anfälligkeit früher großer Bevölkerungsgruppen für
Infektionskrankheiten. Die nun besser genährten Menschen erkrankten seltener und
überlebten die Krankheitsattacken häufiger.
Schutz gegen Seuchen wie Pest und Cholera, die sich zuvor rapide ausbreiten konnten,
boten später auch die allmählich sich bessernde Wohnverhältnisse. Trockene Wohnungen,
Wassertoiletten und Badezimmer, dazu Klärwerke, Kanalisationsanlagen, eine geregelte
Müllabfuhr und Straßenreinigung haben, laut McKeown, die
Volksgesundheit weit wirksamer saniert als die meisten medizinischen Leistungen.
Einen wissenschaftlichen Beitrag dazu, schätzt McKeown, habe
allenfalls der Franzose Louis Pasteur (1822 bis 1895) geliefert, kein
Mediziner, sondern Chemiker und Bakteriologe. Sein Verfahren, Nahrungsmittel haltbar und
immun gegen Krankheitskeime zu machen ("pasteurisieren"), habe mitgeholfen,
viele zuvor häufige epidemische Kettenreaktionen zu stoppen - verseuchte Milch etwa war
ein wichtiger Überträger speziell von Infektionen des Magen-Darm-Systems mit
gefährlichen Folgen vor allem für Kleinkinder.
Im 17. Jahrhundert übernahmen die Ärzte immer entschiedener die Denkungsart der
aufblühenden Naturwissenschaften. Und die begriffen, streng materialistisch, den lebenden
Organismus als eine Art Maschine, als Mechanismus, der ausschließlich chemischen und
physikalischen Gesetzen gehorcht, aus lauter Einzelteilen besteht und mithin bei Bedarf
auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt werden kann.
Folgerichtig entwickelte sich die praktische Heilkunde immer mehr zum Reparaturbetrieb
- in der Regie von immer mehr Spezialisten: Nicht mehr komplette Patienten liegen seither
auf der Praxis-Couch oder dem Operationstisch, sondern gewissermaßen nur noch ihre
defekten Körperteile (im Klinik-Jargon: "der Blinddarm" oder "der
Schädelbruch auf Zimmer 17").
Dieser ärztliche "Ingenieuransatz" (McKeown) hat der
modernen Heilkunde im einzelnen zu staunenswerten Erfolgen verholfen; er ist aber auch
daran schuld, daß es nun schon seit Jahrzehnten mit dem medizinischen Fortschritt im
großen und ganzen hapert.