Ein protestantischer Theologe namens Joseph Fletcher, der in den
70iger Jahren, wie mir Theologen bestätigt haben, auch ein besonderes Echo im deutschen
Protestantismus fand, hat schon 1968 in den USA die benötigte Doktrin beigesteuert, das
neue Menschenbild. Seine Doktrin wurde unter anderem zum geistigen Orientierungspunkt
eines gewissen Peter Singer. Fletchers
Personendoktrin unterscheidet zwischen geist-gesteuerten Personen, das sind die
vollwertigen, und animalischen, vegetabilen Nichtpersonen, die verminderte, oder keine
Rechte mehr haben. 1968 fällt in einem seiner berühmten Artikel der Ausdruck:
"A Down is not a person". Ein Down-Syndrom-Kind (u.a. Mongolismus, Anmerkung der
Redaktion) ist keine Person. Verzögert zwar, aber immerhin, finden und fanden sich
auch deutsche Abnehmer. Und ich möchte mich für das folgende Beispiel fast
entschuldigen. Der Autor hat selbst eine tragische Geschichte hinter sich. Er hat sich
nämlich später umgebracht. In seinem Buch "Ethik und Behinderung" griff der
Dortmunder Behindertenpädagoge Christoph Anstötz 1990 die Frage eines
amerikanischen Bioethikers von 1981 auf. Sie sitzen ja, also können Sie die Frage
vielleicht verdauen - -warum man geistig Behinderte, schwer geistig Behinderte, eigentlich
nicht essen dürfe. Anstötz bedauerte, daß man solche provokanten
Fragen in Deutschland immer noch nicht stellen könne, denn die Antwort sei ja sehr
instruktiv. Der Widerwille, einen schwerst geistig Behinderten zu essen, sei analog zum
Widerwillen, die eigenen Haustiere zu essen. Womit sozusagen gezeigt werden könne, daß
schwer geistig Behinderten ungefähr soviel Schutzrechte zustanden wie Haustieren. Das sei
doch immerhin ein Fortschritt.
Wenn sich schwer geistig Behinderte derselben Rechte erfreuen dürften wie alle anderen
empfindenden Wesen, das heißt, wie eben auch die Tiere, dann heißt das das Aus für alle
menschlichen Wesen, die nicht oder nichts mehr empfinden. Hier schließt sich dann
freilich die Euthanasie-Argumentation an. Diese Menschen befinden sich nun im pflanzlichen
Bereich. In der bioethischen US-Literatur spricht man daher von menschlichem Gemüse (human
vegetable). Natürlich hat dieses Modell auch darüber schon automatisch Produkte,
nämlich die Personen, denen allein die vollen Menschenrechte zukommen und sich über die
bloße Empfindungsfähigkeit von Nichtpersonen erheben.
Ich habe ja schon angedeutet, die Bioethik der US-Provenienz unterscheidet in
rassistischer Manier zwischen vollgültigen Personen und anderen Menschen mit aus ihrer
Sicht fehlerhaften Eigenschaften. Darüber, daß dieser in der Originalliteratur der
Status von Tieren, sogar von Labortieren zugewiesen wird, habe ich schon gesprochen.
Danach kommen natürlich die pflanzlichen Metaphern, um sozusagen die Stufen darunter noch
abzudecken, die "Human vegetable" war eine davon.
Schön einprägsam ist auch folgende Formulierung: Statt von Organspenden zu
sprechen, das kommt überhaupt nicht mehr vor, spricht man jetzt davon: "to harvest
organs and tissues", also vom Ernten von "Organen und Geweben".