Peter Huemer:
Ein besonders brisanter Punkt ist der der fremdnützigen Forschung an nicht
einwilligungsfähigen Menschen, d.h. an Komapatienten zum Beispiel - die ist
erlaubt. Ursel Fuchs:
Die soll erlaubt sein, und der Kreis der sog. 'Nichteinwilligungsfähigen Menschen' ist
viel größer, als wir uns das im Allgemeinen vorstellen. Er reicht von Neugeborenen über
Kinder bis hin zu Unfallopfern, die bewußtlos sind, bis zu einem Schlaganfall-Kranken,
der bewußtlos ist. Aber auch der Mensch im Koma, aber auch der geistig Behinderte,
der Alzheimerkranke und der sterbende Mensch gehören zur Gruppe derer, die
nicht einwilligen können, in eine Forschung, die nicht ihnen unmittelbar dient - ihrer
Gesundheit in der nächsten Zeit und absehbar - sondern einer Gruppe von unbekannten
Kranken, die genauso wie sie an einer bestimmten Krankheit leiden, die eine ähnliche
Altersstruktur haben und auch sonst ähnlich gelagert sind. Und das ist der Artikel, der
zumindest in Deutschland den größten Protest ausgelöst hat, weil es hierum geht,
Instrumentalisierung ausgerechnet der Schwächsten geht, weil es hier darum geht,
ausgerechnet Art. 1 des Nürnberger Cotex - daß der Mensch nämlich zustimmen
muß, wenn an ihm geforscht wird - nach den Erfahrungen der Nazi-Medizin-Forschung
- weil der nämlich überhaupt nicht mehr erwähnt wird, weil der überhaupt nicht mehr
eine Rolle spielt, überhaupt nur noch Vergangenheit ist, und hier haben sich massive
Proteste logischerweise auch gerade aus der Behinderten- und Pflegebereichen gemeldet.
Peter Huemer:
Wenn man es polemisch formulieren wollte, könnte man sagen, das ist die Straße
nach Dachau oder zum Dr. Mengele nach Auschwitz. das ist die Straße
nach Dachau oder zum Dr. Mengele nach Auschwitz.
Auf der anderen Seite aber ist es doch so, daß der medizinische Fortschritt immer
ein Probieren war und daß sich dieses Probieren natürlich vorrangig in der
Medizingeschichte immer an Schwächeren oder Unterprivilegierten vollzogen hat. Der
klassische immer wieder zitierte Fall ist die Einführung der Antibabypille, die zunächst
einmal an den Frauen in der Karibik ausprobiert worden ist, bevor sie in den USA
eingeführt wurde. Aber dafür kann man hunderte, tausende Beispiele aufzählen, wo es
eben genauso läuft.
Ursel Fuchs:
Gerade was Sie beschrieben haben, hat ja dann auch den entsprechenden Aufschrei in der
jeweiligen Bevölkerung oder weltweit hervorgerufen. Ich denke, wir können hier nicht
sagen, weil es schon so und so oft mal passiert ist, müssen wir es hier jetzt zur Regel
machen.
Peter Huemer:
Ursel Fuchs, es ist aber die Regel!
'Der medizinische Fortschritt' - ich würde es so formulieren - 'setzt
stillschweigend die Ungleichheit der Menschen in ihren Möglichkeiten und Rechten voraus -
und die Qualen der Tiere übrigens auch - und ganz genau wollen wir alle miteinander
nicht wissen, wie wir zu unseren Kopfwehpulverln gekommen sind, daß die entsprechend
harmlos und verträglich sind.
Peter Huemer:
Nun ist aber auf der anderen Seite natürlich so, daß diese Experimente ja auch eine
Chance für den Patienten gleichzeitig sind. Das werden ihnen Ärzte sofort
entgegenhalten. Und selbst die Konzentrationslager-Versuche waren ja nicht alle zweck- und
sinnlos. Die Dachauer Druckversuche haben für die amerikanische Weltraumforschung
- wie wir wissen - nachher eine Rolle gespielt, wobei die Dachauer Druckversuche ein
qualvolles Töten von Menschen waren. In diesem Falle wären es aber Experimente, die
nicht unter so entsetzlichen Bedingungen stattfinden würden.
Ursel Fuchs:
Nun ja. Ich denke, das ist eine relative Frage. Es wird immer von minimalen Risiko
gesprochen und von einer minimalen Belastung, die es für den Probanden mit sich bringen
soll. In den Erläuterungen zu den Konventionen steht aber ganz eindeutig: 'Risiko
und Belastung sollen in einem vernünftigen Verhältnis zum vermuteten Nutzen stehen'.
Und in Amerika ist man jetzt vor einer Weile dazu übergegangen, daß an Bewußtlosen
geforscht werden darf. In England sagt man auch bereits, man sieht diese Gruppe der
Wachkoma-Patienten 'at the present' - im Augenblick - noch nicht als Organspender vor. Sie
sehen, es besteht eine ungeheuerliche Begehrlichkeit sich einen Patienten - oder
ganz viele dieser Patienten - zu nähern, bei denen man - und das sage ich jetzt wirklich
im vollem Ernst - den geringsten Widerstand erwarten kann, gegenüber
Manipulationen, Experimenten und Versuchen, zu denen sich kein Gesunder - Sie nicht und
ich nicht - sich hergeben würde.