Aus dem Tagebuch eines Kassenarztes (I) / Von Dr. med. *** Unter
Deutschlands Ärzten gärt es. Um die überproportional wachsenden Kosten des
Gesundheitswesens zu dämpfen, rollt eine Reformwelle nach der anderen über die Mediziner
hinweg. Allen Beteiligten geht es ums Geld, viele Praxisinhaber fürchten schon um die
Existenz. Für den SPIEGEL hat ein niedergelassener Facharzt für Urologie seinen
Praxisalltag geschildert, die Tricks und Mogeleien der Kollegen, ihre Wut und Resignation.
In seinem Tagebuch berichtet er aber auch, welche Nachteile die Patienten durch
unärztliches Verhalten und die Verquickung von Geld und Gesundheit erleiden. Der Name des
Autors ist der Redaktion bekannt. Er wird, um den Arzt vor dem Fallbeil der
Standesgerichtsbarkeit zu schützen, nicht genannt.
Meine Praxis existiert seit 20 Jahren und liegt toll - im Zentrum der Großstadt über
drei Bushaltestellen, zwei Taxi-Plätzen, drei Banken und zwei Supermärkten. Ich kann gut
und flüssig reden. Kann rasch und zurückhaltend arbeiten, mal ein paar Tage bummeln,
dann wieder emsig werden und die Konten füllen, mich allen Bestimmungen und Bestrebungen
zum Sparen anpassen und trotzdem überleben. Mich wird Seehofer mit
seinen "Gesundheitsreformen" nicht totkriegen, mich nicht.
Hektik? Gibt's bei mir weder in der Praxis noch zu Hause. Seit zehn Jahren nicht. Seit
die Einnahmen stagnieren und die Lebensqualität steigt. Dank Seehofer
geht's mir so gut wie nie, einerseits.
Ich arbeite nun montags, dienstags und donnerstags nur noch von 8 bis 14 Uhr, mittwochs
und freitags gehe ich schon um 13 Uhr nach Hause oder bummle durch die Stadt. Alle
Nachmittage sind frei. Meinen Damen habe ich die 31-Stunden-Woche spendiert und verdiene
trotzdem noch, nach Abzug aller Kosten, über 250000 Mark vor Steuern.
In Wahrheit habe ich aber andererseits auch Angst vor Rückgang und Pleite: Ich mache
daher nur noch vier Wochen Urlaub im Jahr und arbeite lediglich mit drei Arzthelferinnen
(und meiner Ehefrau, einer Halbtags-MTA) - früher beschäftigte ich bis zu acht
Mitarbeiterinnen.
Die armen Patienten?
Sie werden sich daran gewöhnen müssen. Die Nachmittage waren sowieso immer relativ
schlecht besucht. Wer arbeitet denn noch in unserer Gesellschaft? Kinder nicht,
Jugendliche und Schüler nicht, Studenten nicht, Rentner nicht - zu diesem Heer gesellen
sich nun noch Arbeitslose, Umschüler, ABM-Leute und Schichtarbeiter, die sich den
Arztbesuch vormittags einrichten können. Die wenigen Leute mit straffen Dienstzeiten
wissen zumeist, daß man laut Tarifvertrag Anspruch auf zwei Stunden Arztbesuch pro Monat
hat. Ganz strenge Chefs werden einsichtig nicken, wenn der Arbeitnehmer die verlorene Zeit
nachholt.
Die armen Helferinnen?
Sie bekommen von mir jetzt "Gewinnbeteiligung" und "Schnupfengeld",
um ihren Gehaltsverlust gering zu halten - unterm Strich fast ein volles Gehalt für die
31-Stunden-Woche! Die Gewinnbeteiligung gleicht den Verlust für die drei Treuen mehr als
aus. Die Stimmung in der Praxis ist weiterhin gut, der Ehrgeiz und Fleiß der Mitarbeiter
angestachelt: Kein Schein wird vergessen. Kein Telefonat bleibt ohne Notiz. Für jedes
Rezept wird die Chip-Karte verlangt und ein Scheinchen gedruckt, auch wenn's der Freund
oder Bruder ist. Vorsorgen werden gepflegt, an Nachsorgen erinnert. Termine vergeben, auch
wenn ich's vergesse. Schriftliche Erinnerungszettel - denn eine Arztpraxis ist, obwohl
unsere "Standesfunktionäre" das bestreiten, immer auch ein Gewerbebetrieb. Der
Rubel muß rollen.
Ich bin Facharzt, Facharzt für Urologie. Ausgebildet in einer angesehenen
Universitätsklinik, "habilitiert" sogar- Ich habe die akademische
Lehrerlaubnis. Doch das Leben in der Praxis verlangt andere Qualitäten - ich muß immer
auch Geschäftsmann sein. An die Honorartöpfe der Kassenärztlichen Vereinigung denken
und an die Chip-Karten der Patienten. Und wie man an sie rankommt.
Chip-Karten-Kriminalität: Man kann die Dinger im Frankfurter Hauptbahnhof kaufen.
Ausländer kommen, mit deutschen Namen. Den Kassen ist das
Wurscht, denn letztlich kommt
alles aus unserem Honorartopf. Die Kranken tummeln sich im Facharzt-Pool der Innenstädte,
und wenn sie's in einem Wartezimmer zu langweilig finden, dann gehen sie einfach ein paar
Blocks weiter.
Ich kenne "Kranke", die zugeben, daß ich heute schon der dritte Urologe bin,
den sie konsultieren - mit der Chip-Karte des Bruders, da sie die eigene einfach nicht
finden konnten. Meine Kollegen haben nichts Krankhaftes gefunden, aber die Arztbesucher
mochten einfach nicht glauben, daß da unten alles in Ordnung ist.
Und so lasse ich sie Revue passieren: zwanzig, dreißig Leidende an einem Vormittag,
manchmal fünfzig am Tag. Patienten mit Entzündungen, Tumoren,
Mißbildungen. Auch
Simulanten und Hypochonder, Ängstliche und Verdrängungskünstler. Und Impotente.
Die meisten Männer mit diesem Problem sind in den Siebzigern und haben jüngere
Frauen: "Geh mal zum Arzt!" "So geht das aber nicht, Herbert!"
"Schlapp, tu was dagegen!" "Wenn das nicht besser wird, dann bist du mich
los!" So und ähnlich treiben die Frauen die Männer zum Sex-Spezialisten:
Psychologen, Psychiater, Psychotherapeuten - und seit Jahren kümmern sich nun auch die
Urologen darum.
Früher habe ich die Potenzstörungen mit Hormonen behandelt - selten erfolgreich -
oder die Patienten zum Psychotherapeuten geschickt: Da kamen sie nach Monaten sehr schlau
zurück, verstanden jetzt die Zusammenhänge, hatten Stunden auf der Couch oder im Sessel
verbracht - geändert hatte sich nichts.
Das Glied war immer noch zu schwach, knickte weg -oder fiel im entscheidenden Moment
zusammen.
Je größer die Enttäuschung und je verbissener der Wille, desto schlimmer wurde es.
Heute hab' ich eine fast hundertprozentig sichere Waffe dagegen, und viele Männer lernen
erst ängstlich, denn von Mal zu Mal mutiger, schließlich begeistert die Methode der
Selbstinjektion, SKAT genannt (Schwellkörper-Autoinjektions-Therapie).
Kurzes Gespräch, urologische Durchuntersuchung, und bereits nach circa zwölf Minuten
weiß ich, ob es sich lohnt, die Zauberspritze, das Potenzwunder einzusetzen. Kandidaten
gibt es genug. Da sind die Männer mit den organischen Störungen, dem krankhaft frühen
Einknicken der Erektion schon in den fünfziger Lebensjahren: Diabetiker, Raucher,
Hypertoniker - infolge der Einnahme blutdrucksenkender Mittel. Devise: Was den Blutdruck
senkt, senkt auch den Pimmel!
Hier verstehe ich, daß die Kassen zahlen. Das sind schließlich Kranke: Der Wille ist
da, aber es fehlt die Kraft, da nicht genug Blut ins Glied fließt - simpel ausgedruckt.
Das Mittel, das wir spritzen, öffnet schlagartig die Gefäße in den Schwellkörpern:
Blut schießt ein, nach wenigen Minuten steht er.
Ein paar Injektionen im Wochenabstand, und die Sache klappt häufig wieder: Der Mann
hatte oft jahrelang keinen Verkehr - oder blamable Quälereien, Notlösungen -, und
plötzlich diese tolle Erektion! Das ist ein großartiges Erlebnis, Futter fürs
geschwundene Selbstbewußtsein - und die Durchblutung bessert sich Schritt für Schritt.
Internisten können mit diesem teuren Zeug Raucherbeine wieder öffnen. Vielleicht ist
es nur eine Frage der Zeit, bis Seehofer es verbietet. Dann ist es nur
noch ein Stoff für Gutsituierte. Eigentlich schade. Bringt Farbe in den Praxis-Alltag.
"Ein Segen für meine Praxis", sagte kürzlich ein Kollege auf dem
Urologen-Kongreß. Denn die Fälle, die sich damit zum Arzt trauen, nehmen zu.
Eigentlich ist das Ausklingen der Potenz in den Siebzigern normal. Aber insbesondere
pensionierte Akademiker und reiche Geschäftsleute versuchen, diese Abschiedsmelodie über
zehn weitere Jahre zu strecken. Sie haben junge Frauen und eine Menge Geld, aber die
teuren Spritzen (60 Mark pro Injektion) soll trotzdem die Kasse bezahlen: "Wenn das
mein Geld kostet, erinnert es mich zu sehr an St. Pauli!"
Die meisten Wohlhabenden, Reichen und Millionäre, die in meine Praxis kommen, sind
Kassenpatienten. Wie die Leute das nur anstellen? Trotz ihrer dicken Konten Mitglieder der
AOK oder der diversen Ersatzkassen zu bleiben. "Privatpatienten", das sind meist
nur die Lehrer, Beamten, kleine Geschäftsleute, Gastwirte. Die wirklich Reichen haben nur
eine Zusatzversicherung fürs Einzelzimmer im Krankenhaus und die eventuelle
Chefarzt-Betreuung.
Trotzdem! Kein böses Wort über die Privatpatienten. 120 verarzte ich pro Vierteljahr,
und die bringen mir 33 Prozent meiner Einnahmen. Deshalb haben in meiner Praxis die
Karteikarten der Privatpatienten eine gelbe Farbe.
Gelb ist die Farbe des Goldes. Heute signalisiert sie drei Lehrer, und alle drei haben
nichts Schlimmes: geringe Prostatavergrößerung, nervöse Reizblase, Samenzyste am linken
Nebenhoden. Welch eine Erholung! Wie einfach und schön ist Geldverdienen! Für einen
Privaten mit einer herrlich leuchtenden gelben Karte muß ich drei bis vier Kassenkranke
behandeln - drei Monate lang! Da zieht es einem den Mund schon in Lachfalten! Vernünftig
kann man anordnen, ruhig und gemütlich reden - es lohnt sich allemal. Die Lehrer reden
zwar viel und lange, diskutieren oft im Kreis - aber das ertrag' ich gern, wenn ich an das
fürstliche Honorar denke.
Diese Arbeit läßt Freude aufkommen. Doch meine goldenen Gänse bestelle ich nur
einmal im Jahr. Die Rechnungen sind im Vergleich zu Kollegen bescheiden. Man soll nichts
übertreiben, sonst hat auch dieser Spaß bald ein Ende.
Früher durften wir bis zum Sechsfachen der Gebührenordnung berechnen. Fünf- und
sechsfacher Satz war für besonders reiche Patienten und besonders hochkarätige
Kapazitäten unter den Ärzten gedacht, für Ultra-Experten. Was passierte? In meiner
Nachbarschaft ließ sich ein Urologe nieder, wie üblich sofort nach dem Facharzt-Examen
(wurde damals verschenkt), an der Uni hat er nur als Student gewirkt. Sofort liquidierte
er auch bei Lehrern mit dem sechsfachen Satz. Bald taten das fast alle.
Das waren noch Zeiten! Als die erste Kassenabrechnung kam - 85 000 Mark für ein
Vierteljahr, ohne die Honorare der Privatpatienten -, erschrak ich sehr und kaufte sofort
einen neuen Bentley bei Auto-Becker. "Vorsicht - die Steuer!", warnte die Bank.
Aber die Einnahmen stiegen schneller, als wir - trotz jugendlich-leichtsinniger
Verschwendung - die eingehenden Gelder rauswerfen konnten. Nach knapp vier Jahren waren
Praxis und Wohnhaus auf dem Lande bezahlt, man mußte die Überschüsse in
Lebensversicherungen anlegen und an Steuer-Sparmodelle denken.
Zwei Urologen gab es vor 20 Jahren in unserer Großstadt. Heute sind wir acht - und
alle acht wollen gut leben. Die Kassenzahlungen waren uns früher immer ein kleines
Extra-Fest wert. Stets kamen ein paar Tausender mehr, als man gerechnet hatte. Heute
öffne ich die blauen Bankbriefe mit zittrigen Händen: Regelmäßig fehlen ein paar
Tausender, die mir eigentlich zustünden. Wo bleiben die Gelder nur? Die vielen jungen
Praxen? Die "Deckel" des Herrn Seehofer?
In erster Linie: die Abrechnungscomputer! Die zarten Finger der Ärzte spielen am
liebsten mit diesen Computern - das lohnt sich! Was meinen Sie, was man damit alles machen
kann! Wir dürfen uns sogar selbst unsere Abrechnungsscheine drucken. In besonderen
Fällen natürlich: Wenn zum Beispiel ein Patient anruft, ich berate ihn - klick -, schon
kommt das bedruckte Scheinchen an, und ich drucke die Ziffer 2 drauf... Oder ein Kollege
ruft an und berichtet über einen Patienten, der ihn ärgert, den er mir schicken will -
bei mir war er voriges Jahr auch schon mal, also hab' ich seine Daten drin - klick-.
Und wenn er dann gar nicht kommt? Klick klick - löschen - oder noch mehr reintippen?
Die Ärzte sind an ihrem Niedergang selbst mitschuldig. Vor mehr als 20 Jahren haben
sie begonnen, das lukrative Einzelleistungssystem zu Tode zu reiten. Einzelleistung, das
heißt: Jeder ärztliche Handgriff - und davon gibt es ein paar Tausende - wird einzeln
bezahlt: das Zuhören, Spritzen, Bestrahlen, Schneiden, Röntgen ... Und jede
Einzelleistung hat ihre eigene Ziffer auf dem Krankenschein.
Was meinen Sie wohl, warum so viele Ärzte ihre Abrechnung erst in den letzten drei
Tagen eines Quartals zu Hause machen - ganz allein mit der Ehefrau. Da guckt keine
neugierige Arzthelferin über die Schulter - oder streicht gar angesetzte und nicht
erbrachte Ziffern wieder. Da wird geklotzt und getürkt und gelogen, was das Zeug hält.
Die Kassen wissen das. Ich weiß es. Aber machen will keiner was dagegen.
Denn es spielt sich ja alles unter dem Deckel ab: Die
Krankenkassen zahlen ihr Fixum an
die Ärzte, an unsere "Kassenärztliche Vereinigung", mit befreiender Wirkung.
Also ist ihnen alles, was sich unter dem Deckel abspielt, scheißegal! Den Deckel haben
unsere eigenen Leute mit Politikern ausgehandelt: Männer mit Gehältern zwischen 20 000
und 40 000 Mark pro Monat unter sich, weit von der wirtschaftlichen Basis des
Normalbürgers entfernt.
Aber: Ich lebe gut unter dem Deckel. Ich sehe die Notwendigkeit des Deckels. Und ich
warte gespannt darauf, daß einige Praxen um mich herum schließen. Weil ich sehe, daß
wir viel zu viele sind. Eine Taube ist ein hübsches Tier. Drei Tauben - eine stolze
Familie. Aber l00 Tauben auf meinem Haus? Ungeziefer! Wie Ratten, die sich gegenseitig
totbeißen.
Die heutigen Kassenärzte sind gierige Ratten - und sie beißen aus Verzweiflung. Noch
nicht vor Hunger, aber aus Angst. Früher hat jeder von uns Ärzten sein kleines Loch in
den großen Sack der Krankenkassen gebohrt und sich gewundert, wieviel da rauslief. Aber
heute? Die haben einfach den ganzen Braten in die Mitte geworfen, und jetzt beißen sich
die Hunde gegenseitig tot.
Warum ändert sich nichts? Warum bekommen die Kranken keine Kopien der Abrechnung? Dann
fiele jeder Fehler, jede Mogelei auf - und es würden Milliarden frei. Warum also ändert
sich nichts?
Weil die entscheidenden ärztlichen Standesfunktionäre die Mogler schützen und selbst
mogeln?
Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient würde durch die Kenntnis der
kassenärztlichen Abrechnung gefährdet! Welch eine alberne Schutzbehauptung! Der
Privatpatient bekommt ja auch seine Rechnung. Und wohlgemerkt: Der Patient soll ja nicht
bezahlen, er soll nur die Abrechnung seines Arztes mit Kassenärztlicher Vereinigung und
Krankenkassen kontrollieren können. Den Kassen schließlich ist das
Wurscht. Wenn sich
die Ärzte gegenseitig beklauen - na gut. Wenn Ausländer sich Chip-Karten am Bahnhof
kaufen - wen stört's! Wenn haufenweise Versicherte neue Karten verlangen, weil die alten
angeblich defekt sind - der Defekt wird nicht mal überprüft. "Hier - eine
neue!" - es ist mir selbst passiert.
Ich kenne dubiose Gestalten, die mehrfach in die Praxis kamen - ungefähr in
Jahresabständen - und jedesmal mit einer anderen Chip-Karte, also einer neuen Identität.
"Den kenn' ich doch - aber der ist der und der - und nicht der!" sagt meine
Helferin, "hier steht ja alles in der Karte - seine früheren Krankheiten, damals
angegeben - haargenau -, aber heute heißt er Albacan und nicht mehr Ciputan."
Wen stört's! Mich stört's.
Felix, mein Sohn, studiert Medizin. Wenn ich sehe, wieviel diese jungen Leute lernen
müssen, wie hart gepaukt und geprüft wird - es war früher nicht viel anders, aber ich
hab's fast vergessen - dann tut es weh, die jungen Kollegen mit jungen Praxen heute zu
beobachten, wie sie ihre solide wissenschaftliche Ausbildung verraten und sich mit
Bioresonanz-Therapie, Homöopathie, Akupunktur und anderem Quatsch über Wasser halten.
Es schmerzt noch mehr, zu sehen, wie dieser empfindliche Apparat von einem
Nichtmediziner, Verwaltungsbeamten und Mittelschüler mittelmäßig verwaltet und
demoliert wird. Ja, ich meine den Herrn Seehofer.
Alle paar Monate muß ich neue Verordnungen und neue Gebührenziffern für meine
Abrechnung pauken, und die Fachzeitschriften stapeln sich. Statt wissenschaftlicher
Kongresse besucht man nun Abrechnungsseminare, statt über Problemfälle grübelt man
über Abrechnungstricks und Einnahmeverluste. Während sich der Minister weitere Schikanen
ausdenkt, um die ärztlichen Einnahmen deutlich unter sein eigenes Monatssalär zu
drücken, brüten unsere braven Standesvertreter weitere Quoten und Budgets aus, um ihm zu
gefallen.
Ab 1. Juli muß man wieder die Ellenbogen ausfahren und sich ins Getümmel stürzen:
neue Fall-Pauschalen, Zusatz-Pauschalen, Extra-Budgets. Schon wieder wird die
kassenärztliche Abrechnung reformiert.
Ärzte-Organisationen und Pharma-Industrie werden vorher noch Kurse anbieten. Da werden
die neuen Tricks verraten oder vorsichtig angedeutet. Wenn man ein paar dieser
Abrechnungsseminare" - unter Kollegen "Nähkästchen" genannt - besucht
hat, ist man gewaschen und gekämmt für den neuen Wettlauf um Punkte und Mark. Als erster
kommt immer der durchs Ziel, der die wenigsten Hemmungen hat, die wenigsten Skrupel, alle
Möglichkeiten zu nutzen.
Für fachliche Fortbildung nehmen sich Niedergelassene kaum noch Zeit. Ein
Kongreß,
der keine Abrechnungstricks vermittelt, ist uninteressant. Wer durch ein Minenfeld
schleicht, hat für die Schönheiten der Natur keinen Blick.
Fachzeitschriften? Die guten und teuren habe ich abbestellt. So spare ich 2000 Mark pro
Jahr. Die billigen und kostenlosen Blätter, von der Industrie finanziert, stöbert man
ungeduldig durch: Wo stehen die Neuigkeiten über die Gebühren-Front?
Wir Kassenärzte sind Hasen auf der Flucht vor der Reform. Wir drücken die Kosten
runter mit Gewalt, wir treiben Punkte und Leistungen hoch, um den Umsatz einigermaßen zu
halten. Wir jammern nach außen, wir verstecken und verfälschen Zahlen und Tatsachen:
Denn wer sich im Buschwerk der chaotischen Reformen verbirgt, hat die Chance, eines Tages
unverletzt hervorzukriechen - wenn die Jäger sich zufrieden zum Halali zurückziehen.
Noch ist es nicht soweit. Die Lage ist und bleibt prekär. Die neu verordneten
Fach-Fall-Pauschalen werden nichts daran ändern. Es gibt zu viele kleine Zusatz-Budgets
und Sonder-Budgets und Extrawürste für Ultra-Spezis auf Antrag. Keiner soll eingehen.
Keiner soll leiden. Kein Arzt soll leiden, meine ich.
Der Patient? Das wird sich zeigen. Erst mal wäre die Existenz aller Praxen zu sichern:
Sicherstellungsauftrag der KV., flächendeckende Versorgung, sagen unsere
Standesfunktionäre - dabei sind doch die meisten Flächen überversorgt. Jeder Arzt soll
überleben können - und so stirbt das ganze System dahin.
Es ist wieder einmal ein neuer Versuch, die knappen Milliarden gleichmäßig auf alle
Medizinköpfe zu verteilen - sozialistische Planwirtschaft: "Wer nicht arbeitet, der
soll auch nicht essen." Jeder bekommt also Arbeit, jeder soll essen. Die Qualität
der Arbeit und des Essens muß im Sozialismus natürlich sinken.
Die neue Ausrede für den täglich größeren medizinischen Pfusch: "Wir sollen
die Kranken ja auch nur ausreichend und gut versorgen, wirtschaftlich arbeiten - aber
nicht optimal." Unglaublich, so sprach der Kerl, unser Standesvertreter, im
Fernsehen, und keiner widersprach. Wo bleibt da die Ethik? Selbstverständlich versuche
ich, jeden Patienten optimal zu versorgen. Nicht nur ausreichend.
Schon mein Vater war Arzt, Landarzt. So manche Nacht saß er im Bett, grübelte und
las: "Was der Kerl nur hat - ich komm' einfach nicht dahinter..." Und am
nächsten Abend ging er noch mal zu dem stöhnenden Bauern und wiederholte seine Befragung
und Untersuchung. Als Landarzt war er meilenweit der einzige Kundige und Retter.
Und heute? Wir sind viel zu viele. Hätten Ärztekammern und Kassenärztliche
Vereinigung nicht beizeiten die Ärzteschwemme und die Niederlassungswelle abwürgen
können?
Ich bin ein modern ausgerüsteter Facharzt - ein auslaufendes Modell, wie so viele
meiner Kollegen. Wir sind daran nicht schuldlos.
Welch ein Glück, daß ich jahrelang so viel Geld verdient habe und mich an der großer
Kriminalität nicht mehr beteiligen muß. Es ist eine Art Beschaffungskriminalität: Der
Drogensüchtige stiehlt, um sich seinen Stoff zu beschaffen, der ihm Wohlbefinden und
Rausch verschafft; der Arzt stiehlt, um sich Wohlstand zu schaffen und Selbstbefriedigung
- bis zum Rausch. Die meisten Kollegen berauschen sich an ihren Erfolgen.
Und Erfolge hat schließlich jeder. Die Medizin ist einfach und effektiv geworden.
Zumindest die Gebiete, die wir Niedergelassenen beackern: Ein Unzufriedener wandert nach
ein paar Fehlversuchen zu einem anderen Facharzt oder in die Klinik. So werden Mißerfolge
rasch aussortiert - und die Dankbaren bleiben und vermehren sich.
Früher haben die Ärzte die Krankenkassen bestohlen, heute bestehlen sie sich
gegenseitig. Früher, das war der warme Sommer für uns: Das Geld lag auf der Straße. Der
Drogensüchtige mußte nur blitzschnell da und dort mal zufassen - und schon hatte er
seine paar Hunderter pro Tag zusammen für das teure Leben, an das wir uns gewöhnt hatten
und von dem wir nicht lassen wollen.
Inzwischen ist es Winter geworden: Die Drogensüchtigen haben sich im Hause der
Heilsarmee versammelt und beklauen sich nun Gegenseitig.